Der folgende Beitrag ist zunächst erschienen in der [ Jüdischen Allgemeinen ] vom 27. März 2003 / 23. Adar II 5763. Für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrages auf unseren Seiten danken wir der Autorin und dem Verlag sehr herzlich.
Ich war eingeladen zum Essen. Jemand sprach über den Krieg. Es war nur der eine Krieg gemeint. Jemand schenkte Wein nach. Jemand wollte noch etwas von dem Selleriepüree. Der Mann, der über den Krieg sprach und über die Demonstration in Berlin, ging ganz selbstverständlich davon aus, daß alle am Tisch einer Meinung waren. Nur eine Dame, sie saß mir gegenüber, wechselte rasch die Gesichtsfarbe. Dann sagte sie doch etwas: Ihr sei manches unklar am großen deutschen Nein zu diesem Krieg. Stille trat ein. Die Gastgeberin sagte: Ach, Kinder! Daraufhin wechselte man das Thema. Ich hatte gar nichts gesagt. Seit kurzem vermeide ich Diskussionen über diesen Krieg, gerade mit guten Freunden. Ich möchte jetzt keine allzu tiefen Gräben aufdecken. Die Situation ist schon kompliziert genug. Inzwischen ist mir aufgefallen, daß nicht nur ich bei meinen guten Freunden das Thema meide, sondern meine guten Freunde auch mir gegenüber. Sie sind gegen diesen Krieg, und ich glaube, sie vermuten, daß ich für diesen Krieg bin, weil ich jüdisch bin und sie sind christlich, auf jeden Fall sind sie keine Juden.
Meine deutschen, christlichen, nichtjüdischen Freunde könnten es wohl verstehen, daß Juden für diesen Krieg sind. Der Irak will Israel auslöschen. Sie finden es dennoch wichtiger, keinen Krieg gegen den Irak zu führen. Wenn ich ihnen mit meiner Sorge um Israel komme, kommen sie mir mit der israelischen Friedensbewegung und lehnen sich zurück. Erwarte ich, daß sich die Welt in einen Krieg reißen läßt für Israel? Nein, selbstverständlich nicht, das heißt, ja, eigentlich ja.
Natürlich will ich keinen Krieg, und die neue Rechtskoalition der alten Männer in der Knesset ist mir sehr suspekt, aber warum hat in der deutschen Friedensbewegung niemand Forderungen an die Palästinenser?
Nun sind unter meinen guten deutschen Freunden auch Juden, und sofort fallen mir drei Jüdinnen ein, die vehement gegen diesen Krieg sind, von dem sie sich dennoch etwas erhoffen. Juden kennen eben kein kategorisches Nein. Und so hoffen diese drei jüdischen Kriegsgegnerinnen, Israel werde nach dem Irak-Krieg von den USA gezwungen, den Palästinensern endlich ihren eigenen Staat zu geben.
Wenn das so einfach wäre. Vor rund zwei Jahren wollte Israel sogar Jerusalem mit ihnen teilen. Die Palästinenser haben das abgelehnt und schicken seitdem Selbstmordattentäter nach Israel. Was soll man diesen Leuten noch anbieten? Mit nichts sind sie zufrieden. Es sei denn, Israel würde ihnen versprechen, sich völlig aufzulösen in einem palästinensischen Staat, den es auch dann voraussichtlich nicht geben würde, sondern ein um Gasa wiederum erweitertes Ägypten, ein breiteres Jordanien, ein verlängertes Syrien. Sollten die Palästinenser ihren Staat haben wollen, werden sie begreifen müssen, daß sie ihn nur bekommen können, wenn Israel ihr unmittelbarer Nachbar bleibt.
Ich bin überhaupt nicht für Krieg, und auch mir machen es der jetzige amerikanische Präsident Bush und sein Verteidigungsminister Rumsfeld nicht eben leicht, für Amerika zu sein. Ich sehe ihre Gesichter, ich höre ihre Sprache und denke an meine guten jüdischen Freunde in New York, und sie tun mir leid: Ausgerechnet jetzt diese beiden Männer an der Spitze der USA. Doch mich beunruhigen die Gründe, aus denen viele Deutsche gegen diesen Krieg zu sein scheinen. Sie scheinen gegen diesen Krieg zu sein, weil sie gegen dieses Amerika sind und gegen dieses Israel. Warum finden sie Saddam Hussein nicht viel bedrohlicher? Schon im letzten Golfkrieg war das nicht anders. Obgleich es Bush junior und Scharon noch gar nicht an der Spitze ihrer Länder gab und Saddam Hussein gerade Kuwait überfallen hatte, war man gegen die USA und gegen Israel.
Am 12. Februar erinnert sich die Frankfurter Rundschau rückblickend: "Wenn linke jüdische Intellektuelle der deutschen Friedensbewegung im letzten Golfkrieg mangelnde Solidarität mit Israel vorwarfen, darüber konnte man Anfang der neunziger Jahre trefflich streiten." Ein bemerkenswerter Satz. Altvertraute Ausdrucksweise. Schon immer war es die Aufgabe jüdischer Intellektueller, deutschen Denkern ein Licht aufzusetzen, aber bitte erst hinterher. Der Golfkrieg 1991 fand fern von Deutschland statt, gleichwohl war das gerade neu vereinigte Land in seinem Innern von Kriegsangst erfüllt. Darunter konnte man trefflich die Juden in Israel vergessen, und noch trefflicher das Unbehagen gegenüber der eigenen ostdeutschen Familie. Die scheinen ganz ungeniert in ihrem Haß auf die Amerikaner und die Israelis, dort waren schon immer beide im selben Giftschrank, auf dessen Tür stand "imperialistischer Aggressor".
Seit dem 11. September wissen wir, im Schatten eines Irak-Krieges könnte es Anschläge islamistischer Terroristen auch in Deutschland geben. Seit dem 11. September wissen wir um die Verletzbarkeit unserer hoch technisierten Welt. Am 15. Februar haben fast eine halbe Million Menschen in Berlin gegen die USA demonstriert. Auf Transparenten war tausendfach zu lesen: "Kein Blut für Öl". Und öfter noch die Parole: "Nein zum Krieg gegen Irak". Nennenswerte Proteste gegen Saddam Hussein gab es nicht. Er ist Führer eines faschistischen Regimes, dessen Fundament männlicher Fanatismus ist, männlicher Frauenhaß, männliche Destruktivität und männlicher Größenwahn. Auf diesem Fundament stand auch der deutsche Nationalsozialismus, und auch der hatte die Wahnvorstellung von einer jüdischen Weltherrschaft, genauso wie der islamistische Faschismus.
Die deutschen Friedensdemonstranten sind stolz auf ihr kategorisches Nein. Anders als ehedem in brauner Vorzeit ihre Eltern und Großeltern, sind sie nicht kriegslüstern. Die ganze Welt konnte es sehen. Sogar Ihre Eltern und Großeltern. Die saßen zu Hause vor dem Fernseher und waren ebenfalls stolz auf dieses deutsche Nein zur amerikanischen Invasion. Solche Wörter wie "amerikanische Invasion" haben einen Nachhall in der deutschen Seele, auch in der DDR-Seele.
In Amerika werden Stimmen laut, die daran erinnern, daß die Deutschen von den Amerikanern 1945 befreit wurden. O, diese Amerikaner mit ihrem Sendungsbewußtsein! Die Deutschen befreit? Die Deutschen fühlten sich gar nicht befreit. Sie hatten ihren Krieg verloren. Die Mehrheit war für Hitler und war stolz darauf, treudeutsch zu sein. Aber dann wurde es alles sehr ungemütlich und bedrohlich und der Hunger und der verlorene Krieg und keine Kohlen. Und daraus haben die Amerikaner die Westdeutschen befreit, aus dem Hunger und der Kälte. Und die Ostdeutschen, die gern auch Corned Beef, Schokolade, Apfelsinen, Jazz und wirtschaftliche Finanzspritzen bekommen hätten, sahen der Befreiung der Westdeutschen mit Haß und Neid zu.
Befreit durch die Amerikaner und die Russen fühlten sich 1945 die noch lebenden Juden, obwohl weder Amerikaner noch Russen ausdrücklich deshalb gekommen waren. Sie wollten Nazi-Deutschland besiegen und danach eigentlich weiter gegeneinander kämpfen; die USA sogar wenn möglich mit deutscher Kriegserfahrung gegen Stalin.
Ob Großeltern- oder Enkelgeneration, ich vermute, allein das Wort Krieg wird in Deutschland kaum jemand denken können, ohne unbewußt an jenen Krieg in sich zu rühren, den Deutschland angezettelt und verloren hat. Es gibt kein Ereignis in der Geschichte, das dermaßen nachhaltige Wirkung auf die Deutschen hatte und hat wie der Zweite Weltkrieg verbunden mit dem zerplatzten "arischen" Weltherrschaftstraum, der Vernichtung der europäischen Judenheit und dem eigenen Elend im Bombenhagel. Dazu gehört auch das inbrünstige Ja zum "totalen Krieg".
Und heute das große gemeinsame Nein. Nach vierzigjähriger Teilung in der Zusammenführung tief zerstritten, vereint sich die deutsche Familie in ihrem moralischen Hochgefühl gegen diesen Krieg. Und nur die CDU/CSU steht abseits? Aber nein. Die müssen für diesen Krieg sein, weil die SPD dagegen ist. Ostdeutsche und Westdeutsche sind gegen diesen Krieg, die ergrauten Achtundsechziger sind dagegen, die autonome Linke, die alten Rechten und die jungen Nazis auch.
Friedensbewegte Deutsche haben auf einmal Leute neben sich, die tragen mit ihnen am selben Transparent, von denen würden sie unter anderen Parolen am eigenen Spruchband aufgehängt werden.
Wenn Menschen so unterschiedlicher, gegnerischer Interessen gemeinsam gegen die USA demonstrieren, muß einen das nicht aufmerksam machen?
Wenn die größte deutsche Friedensdemonstration nicht gleichzeitig genauso vehement gegen den mörderischen Diktator Saddam Hussein demonstriert wie sie gegen die USA protestiert, muß einem das nicht zu denken geben?
Die allseitige Begeisterung über das gemeinsame totale Nein scheint auch vernünftige Menschen berauscht zu haben. Einer der prominentesten und angesehensten Initiatoren und Sprecher der Friedensbewegung ist der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Er ist achtzig Jahre alt und war als noch sehr junger Mann Soldat unter Hitler. Ein engagierter alter Herr, der sich in seiner von ihm veröffentlichten Biographie mit seiner Vergangenheit in Nazi-Deutschland auseinander gesetzt hat. Er wird vielen Friedensdemonstranten eine ideale Vaterfigur sein. Krieg, sagte er, bezogen auf den Krieg der USA gegen Irak, Krieg sei in diesem Zusammenhang ein "arg beschönigendes Wort", dieser Krieg "wäre eine einseitige Massenhinrichtung". So zitierte ihn die Frankfurter Rundschau vom 14. Februar.
In dieser Formulierung "einseitige Massenhinrichtung" aus dem Mund eines achtzigjährigen Deutschen, scheint das von den Engländern bombardierte Dresden aufzusteigen, und die alliierten Armeen, die Deutschland besiegt haben. So könnten in dem großen gemeinsamen Nein der deutschen Friedensdemonstranten auch Rachegefühle gegenüber den Amerikanern aufscheinen, in die der Schmerz der deutschen Gemütslage von damals verwoben sein mag.
Junge Friedensdemonstranten der Gruppe Attac haben wohlweislich nicht in Berlin, aber doch in London und Rom auf Transparenten Präsident Bush und Israels Ministerpräsident Scharon mit Hitler gleichgesetzt.
Warum nicht auch Saddam Hussein? Ich fürchte, daß gerade Saddam Hussein mit Hitler identifiziert wird, mit dem Hitler, dem die deutsche Seele immer noch nachtrauert, mit dem Hitler, der es einer phantasmatischen amerikanisch-jüdischen Weltherrschaft zeigen wollte. Genau wie heute Saddam Hussein.
Seit Mai vergangenen Jahres bin ich auf Lesereise mit meinem Buch Tu mir eine Liebe. Meine Mamme. Ich spreche darin mit Jüdinnen und Juden in Deutschland über ihre Mutter, und es wird in diesen Texten deutlich, wie sehr das Eigene von dem mit bestimmt wird, was die vorausgegangenen Generationen gelebt haben. Zu den Lesungen kommen überwiegend nichtjüdische Deutsche. Wie sollte es anders sein? Auch dieser Umstand ist bestimmt von dem, was vorher war. In den anschließenden Diskussionen werde ich oft von nichtjüdischen Deutschen gefragt, ob ich glaube, daß es "irgendwann normal" werden könne, das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen. Ich höre daraus, daß sie sich gequält fühlen, in dem Moment auch von mir. Ich höre daraus, daß sie in Ruhe gelassen werden möchten und ich endlich Ruhe geben soll, da wir doch schon zu den nachgeborenen Generationen gehören.
Für mich geht es um Besitz. Um das, was war. Um Biographien einzelner Menschen. Namen. Um gelebte und willkürlich abgerissene Leben. Erzähltes. Gegeben von denen, die waren. Das will ich mir nicht nehmen lassen.
Um Besitz könnte es auch den nichtjüdischen Deutschen gehen, den Nachgeborenen der Nazi-Vergangenheit. Zu wissen, was sein kann, was an Furchtbarem menschenmöglich ist, im Großen wie im Kleinen der eigenen Familie. Und auch das Auffinden der eigenen Opferposition im Gegenüber zu ihren Eltern.
Vielleicht gibt es in der deutschen Seele so etwas wie klammheimliche Freude darüber, daß Israel als kriegführende und Land besetzende Nation zum jüdischen Täter geworden ist, und zwar zu einem jüdischen Täter, der unter seinen nichtjüdischen Opfern, den Palästinensern, leiden muß, dessen Opfer immer noch mehr haben wollen und die nie zufrieden sind.
In manchem ähnelt die Situation der irakischen Bevölkerung der damals in Deutschland. Man mag die Juden nicht. Die Amerikaner mag man auch nicht und dennoch ist das Amerikanische verlokkend. Nicht alle Muslime im Irak laufen den Amerikanern begeistert entgegen. Sechzehn Millionen Menschen, zwei Drittel der Bevölkerung, sind abhängig von der Lebensmittelzuteilung durch das diktatorische Regime. Hierzulande glaubt man, das habe vor allem mit dem Handelsembargo zu tun. Eine Exil-Irakerin hat mir erklärt, mit der Essenszuteilung - eine Ration reicht für zwei bis drei Monate - wird die Mehrheit der Bevölkerung kontrolliert. Wenn jemand den Blockwarten des irakischen Diktators unangenehm auffällt, wird das Essen für die gesamte Familie gestrichen. Es gibt inzwischen mindestens zwei Millionen unterernährte Kinder. Viele Menschen wurden nach dem letzten Golfkrieg von den Helfern des Regimes ermordet, darunter etwa dreihunderttausend Frauen.
Während hier meine nichtjüdischen deutschen Freunde fürchteten, Israel könnte durch einen Krieg der USA gegen Irak, Hauptziel biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen werden, höre ich aus Israel, gerade darum sei es besser, schnell angegriffen zu haben. Saddam Hussein habe bereits gegenüber Schiiten und Kurden gezeigt, was er tun kann.
Seit über fünfzig Jahren lebt die israelische Bevölkerung in permanenter Bedrohung. Kriege sind geführt worden, um Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten, zu zerstören, und Kriege haben das verhindert. Nach dem letzten Golfkrieg kam es zum Friedensabkommen zwischen Israel und Jordanien. Merkwürdig. Ich schreibe über einen Krieg, von dem ich mir, etwas erhoffe, woran ich nicht glauben kann, eine allmähliche Demokratisierung der nach unseren Vorstellungen tief im Mittelalter steckengebliebenen arabischen Welt.
Ich bin nicht für Krieg. Wer ist schon für Krieg? Menschen sterben. Und doch kann Krieg als Antwort auf wachsende Bedrohung ein rechtmäßiger Gewaltakt sein.
© Viola Roggenkamp / Jüdische Allgemeine
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28. März 2003 / 24. Adar II 5763
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