Wilhelm Hugo - Exilarchiv

Jugoslawien ist nicht "ausgebrochen" -

Der Krieg entsteht aus sexueller Zerstörung

von Sylvia Schliebe

Dieser Artikel zu Situation im ehemaligen Jugoslawien erschien vor fast zehn Jahren zu einem Zeitpunkt als die Greueltaten dort nur nach und nach an die Öffentlichkeit kamen.

Er entspricht in der hier vorliegenden Fassung nicht mehr dem damaligen Original, da er zunächst bezüglich einiger Formulierungen überarbeitet wurde. Zudem wurden danach noch die Zitate Theweleits nach seinen jüngsten Äusserungen zum 11. September kommentiert.

Nicht nur die damalige und vermutlich auch heutige sogenannte Friedesbewegung wollte von den Qualen der Menschen auf dem Balkan nicht wirklich etwas wissen. Alle meine damaligen Bestrebungen ein Netzwerk zur Unterstützung für vergewaltigte Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien aufzubauen, Monate vor der ersten Schlagzeile in den europäischen Zeitungen, stiessen nicht nur innerhalb der sogenannten Linken auf taube Ohren.

Trotzdem vertrat ich damals noch die Auffassung militärische Einsätze wären unter gar keinen Umständen Teil einer möglichen Lösung. Bei aller Kriitik die ich auch heute noch an jedweder Art militärischer Struktur habe und dem Wissen, dass in jenen Kreisen die Verletzung elementarer Menschenrechte nicht selten zur Initiativbildung ureigenster machtpolitischer Interessen dient die manchmal wenig bis nichts mit den versprochenen humanitären Interessen gemein haben, bin ich nach Bosnien, Kosovo und spätestens nach dem 11. September ausdrücklich dafür auch Militär einzusetzen, d.h. sehr wohl Krieg zu führen mit all seinen mir durchaus bekannten Auswirkungen, um Schlimmeres zu verhindern zu versuchen. Und dies, obwohl ich wie gesagt dem Militär grundsätzlich nicht gerade vertraue. Dieser Einstellungsänderung kam im Übrigen nicht alleine durch die Massivität der Angriffe auf New York und Washington zustande, sondern auch durch die immer noch gleichen unveränderten Debatten innerhalb der Bewegung, die sich den Frieden auf ihre Fahnen geschrieben hat und dabei heute wie damals nicht bereit ist ernsthaft über die eigenen zutieftst von struktureller Gewalt durchsetzen Strukturen zu reden und sich nicht zu schade ist uralte Antisemitismen zu pflegen und die Schuld am so vielfachen Tod und Leid nach dem 11.September auf durchaus mannigfaltige Art wie immer Juden, in diesem wieder einmal Israel zuzuschieben. Ebenso alt wie dumm ist die schnelle Erklärung die Amerikaner hätten dies provoziert und zeugt doch von einer zumindest immensen Unkenntnis über das was die USA bei aller Problematik tatsächlich symbolisiert, - für viele Menschen übrigens nicht nur symbolisch, sondern jede Minute in ihrem alltäglichen Leben.

Mit dieser veränderten Einleitung also noch einmal zu einer mittlerweile historisch gewordenen Lage auf dem Balkan.

Seit nunmehr fast einem Jahrzehnt werden die Menschen in Europa mit Bildern konfrontiert die sie seit Ende des zweiten Weltkriegs und dem damit verbundenen Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft nur aus eher fern gelegenen Regionen der Welt kannten. Dies hat dazu geführt dass Verdrängung und Gleichgültigkeit einem Handlungsdruck gewichen sind. Unter diesem Druck wird nun zunehmend mehr der Blick nur noch auf das Für und Wider von Krisenintervention gerichtet und nicht mehr darüber nachgedacht, wodurch etwa der Haß entstanden ist, der sich auf dem Balkan den Weg bricht. Ich möchte versuchen im nachfolgenden die Diskussion über die Ursachen wieder aufzunehmen.

Ich befürchte, dass über die Wahrnehmung der Grauen dieses Krieges die grundsätzliche Diskussion darüber wie Kriege entstehen und welche Strukturen sie möglich machen, immer mehr in den Hintergrund treten.

Damit es nicht noch mehr Tote gibt, damit nicht noch mehr Menschen vergewaltigt werden, ist es notwendig neben der Diskussion über die Notwendigkeit oder die Legitimität von Krisenintervention die Wurzeln des Hasses zu bekämpfen. Ich möchte im Nachfolgenden versuchen zu beschreiben, woher der Haß kommt und wie er bekämpft werden kann.

Der Krieg in Ex-Jugoslawien ist nicht "ausgebrochen".

Aus scheinbar bisher ganz normalen Männern werden aus nicht nachvollziehbaren Gründen über Nacht bei "Kriegsausbruch" "unberechenbare Monster", die ohne zu zögern die kleinen Kinder ihrer Nachbarin mit der sie zusammen aufgewachsen waren durch Vergewaltigung verstümmeln und töten. Viele Frauen, die entkommen konnten, berichten davon, dass sie ihre Peiniger kennen, daß sie aus demselben Ort kommen, daß es die ehemaligen Arbeitskollegen, Freunde und Nachbarn sind.

Wie ist das möglich?

Mir ist die scheinbare Umwandlung von ganz normalen Männern und "Familienvätern" in unerklärbare "Monster" aus einem Zusammenhang bekannt, der hierzulande ebenso zum selbstverständlichen Alltag gehört wie in allen anderen durch männliche Gewalt geprägten Gesellschaften: der sexuellen Gewalt gegen Frauen und Kinder.

Aussagen wie: "dieser nette Mann, wie kann der das nur tun" und "der große Kerl und so ein kleines Kind, wie ist das nur möglich, zu mir war er immer ganz nett" oder "ich kann es mir gar nicht erklären" finden sich regelmäßig dann, wenn es gelingt, das Tabu der sexuellen Gewalt gegen Frauen und Kinder am Beispiel einzelner Täter und Opfer zu durchbrechen.

Auch hier ist es scheinbar unerklärbar, daß ganz normale Männer so gewalttätig sein können. Der Versuch, diese Männer als Außenseiter der Gesellschaft zu stigmatisieren, erweist sich durch die Arbeit und die Erfahrungen der Frauenhäuser als unhaltbar. Es sind die "netten Jungs von nebenan" eben genauso wie "der Alkoholiker" aus dem "sozialen Brennpunkt", die Arbeitersöhne ebenso, wie die des Bürgermeisters, die aus der Stadt ebenso wie die vom Land.

Der überwältigende Anteil von Straftaten gegen die sexuelle Integrität findet in Beziehungen und im Kreise der Familie statt. Die häufigsten Täter, wenn es um sexuelle Mißhandlung und Vergewaltigung auch von Kindern geht, sind die eigenen Väter, gut geschützt durch ein umfangreiches sogenanntes "Familien"-recht.

Die strafrechtliche Beweisführung legt gerade bei diesen Delikten eine Glaubwürdigkeitsprüfung fest, die in kaum einem anderen rechtlichen Zusammenhang ihresgleichen findet. Die kindlichen Opfer durchlaufen in der Regel solange eine Vernehmungsqual bis sie am Ende nur noch eine Möglichkeit sehen, ihr psychisches Überleben zu sichern: sie ziehen ihre Aussage zurück oder lassen sich gezwungenermaßen auf das breite Angebot der Relativierungen der Tat ein. Die Urteile ergehen demnach auch häufig in einer Milde, die in keinem Verhältnis zu diesem Verbrechen steht. Jedes Eigentumsdelikt an Besitz wird härter geahndet.

Auch die meisten Vergewaltigungen von erwachsenen Frauen "passieren" nicht im dunklen Park, sondern im trauten Ehebett. Vergewaltigung in der Ehe war in der BRD bis vor kurzem noch immer nicht strafbar.

Ich bin mir sicher, dass es der explizit ausgesprochenen Forderung nach Vergewaltigung gar nicht erst bedarf. Es genügt die Aufhebung des Tabus für die Täter, nicht aber für die Opfer, denen die Benennbarkeit der Gewalt dazu verhelfen könnte, ihre Isolation aufzubrechen und Unterstützung anzufordern.

Alles was im sogenannten "Zivilen" hinter verschlossenen Türen passieren musste und dort wenig sanktioniert bis erlaubt war, darf nun die eheliche Wohnung verlassen und kann offen ausgeführt werden. Zunächst nur, wenn es sich bei den Opfern um Frauen, Kinder und auch Männer des "Feindes" handelt, aber mit zunehmendem Kriegsgeschehen durch die damit verbundene "Verrohung" bald grundsätzlich.

Das Tabu um sexuelle Gewalt ermöglicht deren Selbstverständlichkeit.

Das Tabu um Ausmaß und Auswirkungen sexueller Gewalt gegen Kinder und Frauen wirkt im sogenannten Frieden erhaltend für die Strukturen, die solche Taten und Täter erzeugen und deren Fortbestand garantieren.

Im Krieg, aufgehoben und kombiniert mit der offiziellen Erlaubnis zum Töten, erscheinen dieselben Strukturen als plötzlich gekommen und unerklärbar.

Der Unterschied zwischen den Auswirkungen im "Zivilen" zur Situation im Krieg besteht in der Anzahl der Opfer, die dadurch nicht nur psychisch, sondern auch auf grausamste Art physisch zu Tode gequält werden. Damit besteht dann endgültig keine Chance mehr, dieser Gewalt jemals zu entkommen. Die damit geschaffenen Fakten dienen jetzt bereits der Vorbereitung des nächsten Krieges, weil die entstandenen Wunden und Verletzungen einer derart zerstörten Gesellschaft kaum zu lindern, geschweige denn zu heilen sind.

Was ist damit gemeint, wenn ich von denselben Strukturen in "Krieg und Frieden" rede, die sich letztlich nur im Hervorbringen verschiedener brutaler Auswirkungen unterscheiden?

Was ist damit gemeint, wenn ich damit begründe, dass diese Gewalt ebenso auch in der BRD "ausbrechen" könnte, wenn sich die politischen Meinungsmacher die staatliche und moralische Legitimation dazu verschaffen?

Die Überfälle auf Menschen aus anderen Ländern haben gezeigt, wie schnell scheinbar unerklärlich schlimme Dinge passieren, wenn erst mal "die Jagd" durch entsprechende Propaganda "eröffnet" ist.

Der seit 1989 immer offenerer auftretende Antisemisitmus und die Sicherheit der Täter sich letztendlich in guten Kreisen zu bewegen zeigt wie wenig weit erhebliche Teile deutscher Bevölkerung tatsächlich vom Gedanken- und Empfindungsgut der Täter des Balkan entfernt sind.

Die Tendenz in Deutschland geht allemal dahin, soziale Probleme mit der Reduzierung von Grundrechten in Verbindung mit den bereits bekannten Schuldzuweisungen lösen zu wollen. Dies findet dann seinen Niederschlag durch die praktische Abschaffung des Asylrechts und dem verstärkten Einsatz von Polizei und Bundesgrenzschutz gegen Flüchtlinge, anstatt den vorhandenen Rechtsrahmen endlich auch auszunutzen wenn es um rechte Gewalt oder Antisemitismus geht. Zwar finden aktuell einige sinnvolle Diskussionen in dieser Richtung statt. Allerdings hat es nahezu zehn Jahre rechter Gewalt bedurft um diese endlich strafrechtlich so zu würdigen wie es angebracht ist. Die Suche nach Ursachen bleibt allerdings immer noch auf der Strecke und wird an Nebenschauplätzen diskutiert. Etwa wenn immer wieder Arbeitslosigkeit oder Filmbrutalität dem genauen Blick auf Familienstrukturen vorgezogen wird.

Der Zusammenhang von sexueller Gewalt in der Kindheit und entfesselter Gewalt in Kriegen.

Wie kann es also kommen?

Ich gehe davon aus: die Auswirkungen und das zahlenmäßige Ausmaß der Zerstörung von Mädchen und Jungen durch sexuelle Gewalt in der Kindheit haben entscheidend mit der angeblichen Unerklärbarkeit des Krieges im ehemaligen Jugoslawien und den dort stattfindenden Grausamkeiten zu tun.

Alle von männlicher Gewalt geprägten Gesellschaften, und dies sind die uns so vertrauten, erhalten ihre Stabilität vor allem dadurch, dass die latente Menschen- und Lebensverachtung von Generation zu Generation weitergetragen wird. Es muß zu ihrer Erhaltung gewährleistet sein, dass sich die Prinzipien des Leben-Wollens und Leben-Könnens nicht über die der Zerstörung erheben. Nichts kann dies besser gewährleisten als die Zerstörung durch sexuelle Gewalt in der Kindheit und die damit verbundene Aufteilung der Gesellschaften in Opfer und Täter.

Fachgruppen zum Thema sexuelle Gewalt oder beispielsweise auch das Bundeskriminalamt, die auf verschiedene Weise an diesem Thema arbeiten, schätzen die Zahl der betroffenen Kinder auf mindestens ein Viertel aller Mädchen und mindestens ein Siebtel aller Jungen. Aufgrund meiner eigenen Arbeit schätze ich die Zahlen noch um ein Beträchtliches höher ein, nämlich auf weit über die Hälfte der Mädchen und mindestens ein Drittel aller Jungen. Eine patriarchale Gesellschaft wie die unsere bietet für Frauen und Männer unterschiedliche Möglichkeiten an, mit dieser Zerstörung zu leben.

Trotz aller Unterstützung auch sehr vieler Frauen für dieses System sind es bis auf wenige Ausnahmen Männer die sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen tatsächlich auch ausüben. Übrigens auch an Frauen und Männern.

Männer werden nicht "grausam geboren"

Kleine Jungen und Jugendliche werden ebenso systematisch durch ein gut funktionierendes Netz von Gewalt und Sozialisation regelrecht abgerichtet, wie etwa Prostituierte, die ihrem Beruf - entgegen einiger Verlautbarungen - ja auch nicht freiwillig nachgehen. Das Militär hat in der Vergangenheit wie heute in vielen Fällen eine nicht unwichtige Rolle in diesem Prozeß.

In diesem Zusammenhang sind die Arbeiten von Klaus Theweleit äusserst interessant. Er beschreibt, wie in den Rekrutenanstalten zur Vorbereitung und Durchführung des Ersten Weltkrieges junge Männer durch Vergewaltigung und sexuelle Demütigung zum Dienst und zur nötigen Skrupellosigkeit beim Militär "erzogen" wurden. Die gesellschaftliche Verfolgung von Schwulen, die ihr Schwulsein auch mit einer nicht tradierten Männerrolle identifizieren, spricht in diesem Zusammenhang eine deutliche Sprache.

Umso bedauerlicher sind nach dieser damaligen Erkenntnis heute seinen Analysen zur vermeintlichen Mitschuld des Staates Israel an den Terroranschlägen des 11. September. Offensichtlich war es ihm nicht möglich seine Analysefähigkeit was die Vergewaltigungsfolgen junger Männer betrifft auch in anderen Bereichen zu behalten.

Was werden Menschen die bereits als Jugendliche bereit sind durch den eigenen Selbstmord andere, hunderte, tausende oder mehr durch Terror in den Tod zu stürzen wohl erlebt haben in ihren Familien und ihren Gesellschaften bevor sie zu jenen Jugendlichen und Erwachsenen wurden. Der 11. September zeigt in drastischen Bildern wie es um das Innenleben dieser Menschen bestellt ist und dies bedarf einer gründlichen Vorbereitung. Auch ein Bin Laden bedurfte einer familiären und gesellschaftlichen Umgebung als Kind die offensichtlich geeignet war ihm seine wie jedem Kind angeborene Menschlichkeit derartig auszutreiben.

Sexuelle Gewalt findet immer gegen den deutlich erklärten und/oder ausgedrückten Willen der Opfer statt, auch wenn diese kleine Kinder sind. Dieser Widerstand ist für den Täter immer klar erkennbar und muß in jedem einzelnen Fall immer wieder bewußt durchbrochen werden. Die Tat wird unter dem Aspekt geplant den Widerstand des Opfers und das Risiko der möglichen Aufdeckung möglichst gering zu halten.

Die Folgen sind für die betroffenen Opfer immer gravierend. Der zerbrochene Widerstand und die so zerstörte Integrität der Persönlichkeit werden zum wesentlichen Bestandteil des weiteren Lebens und müssen gleichzeitig - wegen des Tabus um die Tat - immer weiter verdrängt werden.

Das Tabu entsteht zum Teil schon allein durch die Tatsache, dass die Tat scheinbar unglaublich, unvorstellbar ist. Ausserdem wird es ständig neu produziert und dadurch erhalten, dass die Auswirkungen der Tat bei dem von mir geschätzten Ausmaß als wesentlich für den Bestand von männlicher Gewalt geprägten Gesellschaften angesehen werden können. Die Auswirkungen und Zerstörungen haben ein derartiges Ausmaß, dass sie allein durch ihre quasi Selbstverständlichkeit in vielen gesellschaftlich relevanten Bereichen integriert sind. Als Beispiele seien hier nur die Entwicklungspsychologie genannt, die selbst in einem reformierten Freud-Verständnis von natürlichen ödipalen Bedürfnissen spricht und die (scheinbar) höhere Akzeptanz einer höheren Agressionsbereitschaft bei Jungen.

Die Zerstörung durch Vergewaltigung und sexuelle Gewalt an Kindern wirkt so vollkommen, dass sie es schafft, aus Kindern, die geboren werden um zu leben, jene Erwachsenen zu machen, die scheinbar von heute auf morgen der unvorstellbarsten Grausamkeiten fähig sind.

Diese Gewalt trifft den innersten Lebensnerv und ist ein Seelenmord auf Raten, dem häufig die tatsächliche Selbsttötung oder der Mord viele Jahre später folgen. Dem Rest von Leben, der nicht zerstört werden konnte und mit dem es möglich wäre, etwas Neues aufzubauen, werden durch die Strukturen jener gewaltgeprägten Gesellschaften und durch die Aufrechterhaltung des Tabus sämtliche Widrigkeiten entgegengesetzt , die dieses System zu bieten hat.

Die Zerstörung setzt sich über Generationen fort und wenn dann im Krieg der Tötungsbefehl erteilt wird und die moralischen Bedenken wegpropagiert werden, dann wundern sich viele, dass sie massenhaft zu Tage tritt - dass aus Seelenmord Mord wird, dass aus latenter Frauenverachtung Vergewaltigung wird.

Wie werden Täter gemacht?

In einer Studie zur "Einübung von Gewalt und Gewaltlosigkeit" vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges (David Mark Mantell: "Familie und Aggression", Frankfurt 1978) wird festgestellt, dass sich Gewaltbereitschaft oder Gewaltlosigkeit schwerlich über eine intellektualisierte Debatte zur Friedenserziehung oder über die Einübung von sozialen Verhaltensweisen bei Erwachsenen entscheidet, sondern über die Familienstrukturen und die Erlebnisse der ersten zehn Jahre als tiefsitzende Verhaltensweise manifestiert.

Nun ist das mittlerweile sicherlich keine neue Erkenntnis, und wir wissen alle längst, dass das Leben im wesentlichen über Erlebnis und Erfahrung vor allem in den ersten Jahren, und nicht über ausgedehnte Kopferkenntnisse stattfindet. Das Neue an der Sache ist der Blick auf die in dieser Untersuchung beschriebenen Familien- und Persönlichkeitsstrukturen im Hinblick auf mögliche Hinweise auf sexuelle Gewalt in der Kindheit. Untersucht werden jeweils 25 junge Amerikaner, die sich einmal als Kriegsfreiwillige für den Vietnamkrieg gemeldet hatten und sich an kaum vorstellbaren Grausamkeiten beteiligt hatten, und andere die sich als Verweigerer diesem Krieg entgegengestellt hatten.

Bei allen Kriegsfreiwilligen läßt sich schon im vorpubertären Alter eine deutliche Verachtung Frauen gegenüber feststellen, die dann in der weiteren Entwicklung im Umgang mit "Freundinnen" und Opfern des Krieges ihre weitere Bestätigung findet. Alle Kriegsfreiwilligen fallen durch eine ständige Thematisierung von Tod und Zerstörung schon in ihrer Kindheit auf. Mantell stellt bei ihnen eine starke Beziehungslosigkeit, bis hin zur völligen Distanz, schon in der frühen Kindheit fest, dies trifft insbesondere die Beziehung zu ihren Eltern. Trotzdem wird von den Betroffenen die eigenen Familie als eine beschreiben, die sie "gut erzogen" hatte und in der "alles in Ordnung" war.

Mantell: "Die Beziehung, die diese Soldaten und ihre Väter im Allgemeinen hatten, neigte dazu förmlich und kalt zu sein. [...] Die meisten Mütter hatten außergewöhnlich problematische Beziehungen zu ihren Söhnen."

Wenn wir wissen, dass Jungen nicht frauenverachtend und zerstörungssüchtig geboren werden, und wenn wir weiter wissen, wie die Zerstörung bei Jungen wirken kann, die sexuelle Gewalterfahrungen in der Kindheit hatten, wenn sie ihr Opfersein nicht zulassen können, sondern sich mit dem Täter identifizieren, dann liegt es nahe, bei den Kriegsfreiwilligen auf sexuelle Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit zu schließen.

Ich gehe davon aus, dass Jungen in der Regel bis etwa zum zweiten oder dritten Lebensjahr sexuell mißhandelt und vergewaltigt werden und die Täter dann, bei sprachlicher Benennung des Geschlechts -es ist dann kein Baby mehr, sonder ein Junge oder Mädchen - verstärkt auf die ihnen zur Verfügung stehenden Mädchen zurückgreifen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ältere Jungen keine sexuelle Gewalt mehr erfahren, oder Mädchen erst ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr, sondern zeigt lediglich eine von mir vermutete Tendenz.

In dieser Diskussion zeigt sich die nicht geringe Problematik in der Homosexuellendiskussion, in der es für einige nicht immer einfach ist zwischen sexueller Gewalt an einem männlichen Kind oder einem Abhängigen und einer homosexuellen Beziehung zwischen Erwachsenen, oder Jugendlichen zu unterscheiden.

Ich gehe nun nicht davon aus, dass alle Soldaten Opfer von sexueller Gewalt in der Kindheit sind und eine Täteridentifikation gebildet haben, und alle Verweigerer verschont geblieben sind oder eine Opferidentifikation aufweisen. Aber ich frage mich schon, welche nun diejenigen sind, die bereit sind, sich an Massakern zu beteiligen und zu vergewaltigen.

Und ich habe die Vermutung, dass es vor allem diejenigen sind, die als Kind Zerstörung durch sexuelle Gewalt (durch Männer) erfahren haben, die sich beteiligen. Es sind diejenigen, die sich dafür entschieden haben, lieber selbst zum Täter zu werden, anstatt sich mit der Infragestellung der männlich tradierten Rolle und möglicherweise ihrem eigenen Opfersein zu beschäftigen.

Unter diesen Betrachtungen scheint mir die Unfaßbarkeit des Krieges im ehemaligen Jugoslawien leider nur allzu faßbar, und damit übertragbar auf alle anderen Gesellschaften, die durch patriarchale Machtstrukturen ihren eigenen Erhalt sowie auch die Zerstörung des Ganzen vorantreiben.

Der Krieg in Ex-Jugoslawien ist ebensowenig "ausgebrochen" wie jeder andere

Die Grausamkeit, die dann offen zutage tritt, ist im sogenannten "Zivilen" bereits geschaffen, geschaffen von einem menschenverachtenden System dessen größter Ehrgeiz darin besteht die Machtverhältnisse bei gleichzeitiger Zuspitzung derselben immer wieder einmal zu kaschieren.

Mir bleibt am Schluss noch ein Zitat aus einem Buch namens "Der Spiegel der einfachen Seele", geschrieben im 13. Jahrhundert von Marguerite Porete, einer Frau, die den Sinn des Lebens, nämlich das Leben anstatt die Zerstörung zu geniessen, schon damals erfasst und gelebt hatte, bis sie schliesslich von wie so viele von ihrer eigenen christlichen Kirche, in diesem Falle noch der katholischen ergriffen und ermordet wurde:

"Dass jedes vernünftige Wesen in sich von Natur aus glücklich ist, dass der Mensch in diesem Leben zu einer endgütligen Glückseligkeit finden kann"

Was passiert mit diesem Menschen auf dem Weg der ersten zehn Jahre, bis er zu solchen Grausamkeiten fähig ist ? Ich bin der sicheren Überzeugung: ohne sexuelle Gewalt und deren Zerstörung von Frauen und Männern hätten wir das Problem der "Unfaßbarkeit" des Krieges im ehemaligen Jugoslawien nicht.

© Sylvia Schliebe
Wilhelm Hugo - Exilarchiv
01. April 2002 / 19. Nissan 5762

Wilhelm Hugo - Exilarchiv

Holzwiesenstrasse 15 / 104
72181 Starzach-Wachendorf
Deutschland / Germany / Alemania

[ exilarchiv@exilarchiv.org ]