Wilhelm Hugo - Exilarchiv

Helmut Kohl: "...man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen..."

Eine Auswertung des Newsweek - Interviews vom Oktober 1986

von Jobst Paul

I. Die Vorgeschichte

Erst ganz zum Schluss der Ära Kohl hat der Jubilar Farbe bekennen müssen und öffentlich gestanden, das Grundgesetz und geltende Gesetze missachtet zu haben, weil der Hauch der Geschichte jeweils wichtiger war.[ 1 ] Die im "Hauch der Geschichte" ursprünglich nicht vorgesehenen Äußerungen subalterner Abhängiger, mit denen Kohl nun aus der eigenen Partei zur Rechenschaft genötigt wird, können vielleicht mithelfen, einer anti-demokratischen, ins 19. Jahrhundert reichenden Tradition von deutschen Macht-Eliten, sich nämlich vom Hauch der Geschichte getragen zu wähnen, ein endgültiges Ende zu bereiten.

Die Lage im Dezember 1999 erinnert daher an eine Episode um die Weihnachtszeit 1986 - sie sollte mich wochen- und monatelang (eigentlich bis heute) umtreiben: Damals schien plötzlich ein kleiner Rockzipfel jenes ungeheuerlichen Mantels der großen Geschichte, dem Kohl verfallen war und unter den er alle anderen zu verfrachten gedachte, bloßzuliegen - letztlich nur ein Schnipsel, aber gerade deshalb ein seltenes Fundstück. Könnten Holmes und Watson daraus nicht den mentalen Makrokosmos des Besitzers erschließen, wenn sie sich nur anstrengten?

Zu dem, was sie damals herausfanden, passen die heutigen Bekenntnisse Kohls (und inzwischen auch anderer) wie der letzte, unvorsichtig behandelte Dominostein, von dem aus alles munter und gnadenlos nach hinten, in die Vergangenheit, zusammenpurzelt. Kurz: Die heutige Demontage Kohls ist eine Genugtuung für all die Qualen, die er anderen über so viele Jahre allein schon damit zugefügt hat, über seine verquollenen Geschichtsvorstellungen und Ego-Ideale nicht zu stürzen. [ 2 ] Ganz besonders befreit das jetzige Zusammenklappen Kohls davon, jahrelang und ohnmächtig von dessen Vorstellungen und Idealen politisch vertreten worden zu sein.

Wie bekannt, orientieren sich die Methoden von Holmes und Watson nur am Rand an der Frage, ob diese Methoden wissenschaftlicher Kritik standhalten, sondern allein daran, ob sie zum Täter führen und vor allem - den Leser unterhalten. Anders wäre der Umgang mit dem Christkind von 1986 - 'Goebbels' - kaum zu ertragen gewesen. Ich begrüße den Jahreswechsel 1999/2000 mit dieser Reminiszenz:

Es war Ende 1986. Ich erreichte Andrew Nagorski, Chef des Bonner Büros von Newsweek, am Telefon. Er hatte gerade einiges hinter sich. Gemeinsam mit dem Newsweek-Herausgeber Maynard Parker hatte er vor einigen Wochen den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl interviewt, aber es war ihm nicht gelungen, die eineinhalb Stunden, in denen Kohl auf Band gesprochen und doziert hatte, auf das Newsweek-Interview-Format von einer Druckseite zu bringen: Es waren zwei Druckseiten geworden. Keine einfache Entscheidung, was gedruckt werden sollte und was nicht.

Gegenstand des Interviews war eigentlich dies gewesen: Soeben hatten sich auf Island der US-Präsident Reagan und der sowjetische Regierungschef Gorbatschow getroffen und dabei weit reichende Absichtserklärungen zur Abrüstung abgegeben. Da war die Meinung des Nachfolgers Helmut Schmidts im Amt des deutschen Bundeskanzlers, Helmut Kohl, denn doch gefragt. Es sollte Kohls erste Würdigung durch Newsweek nach seiner Amtsübernahme überhaupt sein, denn Kohl sollte - kurz nach Reykjavik - Reagan als erster Staatschef besuchen.

Die Wogen gingen hoch: Fehlschlag oder nicht? Hatte Reagan den bevorstehenden Kongresswahlen zuliebe Gorbatschow gegenüber zu viel preisgegeben? Und in der deutschen Außenpolitik zeichnete sich eine Abkehr von der Brandt'schen und eine Hinwendung zur konservativ-rechten Variante von Entspannungspolitik ab: am 25.1.1987 waren Bundestagswahlen.

Die beiden Druckseiten mit Kohls Interview-Zusammenschnitt erschienen in der Newsweek-Ausgabe vom 27. Oktober 1986, ein Sammelsurium großer historischer Abrisse an die Adresse Reagans, der schon hier nachlesen konnte, was Kohl ihm bald selbst sagen würde: "Ich werde ihm sagen, er soll seine Berater anweisen ..." (das und jenes zu tun) - "Und ich werde ihm sagen: Ron, sei geduldig. Lass dich nicht drängen. Deine Position ist gut." [ 3 ] NewsweekS Cover vom Oktober 1986 spiegelt noch die Konstellation: "After the Iceland Summit: Where do we go from here? Kohl to Reagan: 'Ron, be patient' "

Ob Reagan Kohls Ratschläge beherzigen konnte, dürfte allerdings zweifelhaft sein. Denn erstaunlicherweise sorgte das Kohl-Interview für eine neue Eiszeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland (unter der Führung Kohls) und der Sowjetunion (unter der Führung Gorbatschows). Und das kam so:

Zunächst führte das Missverhältnis zwischen Kohls auf Tonband gebannter Vorlesung und dem knappen Zeilenbudget von Newsweek zu vielen Pünktchen im gedruckten Text. Außer Nagorski, der gekürzt hatte, hatten freilich auch noch andere am Text gearbeitet. Die Textfassung Nagorskis wurde dem Kanzleramt vorgelegt. Regierungssprecher Ost und der beim Interview anwesende Chef-Dolmetscher gingen den Text durch und redigierten ihn. Selbstverständlich wurde nur die englische Übersetzung gedruckt: Was Kohl auf Deutsch gesagt hatte, blieb vorerst das Geheimnis der Newsweek-Redaktion. Immerhin konnte das Gedruckte nun als offiziöses Dokument gelten.

Newsweek erwischte Kohl im Herbst 1986 allerdings auf dem Hoch einer Rhetorik, mit der dieser zuvor schon einige Stilblüten produziert hatte, wohl um mit Franz-Josef Strauß gleichzuziehen und den Machtanspruch der CSU zu parieren: Die Gnade seiner späten Geburt z.B. war dem Kanzler da schon längst aufgegangen, Bitburg, die Parteinahme für den österreichischen Präsidenten Waldheim lagen hinter ihm, und sein Hinweis auf 'Konzentrationslager' in der DDR lastete über dem Land (dazu Jürgen Link in der taz vom 8.1.1987: "Die DDR als KZ: Kohl als politischer Symbolist"), sekundiert von Heiner Geißlers Pazifisten-Denunziation. Und - die Historiker-Debatte wuchs sich gerade zum "Schwelbrand" aus (FR vom 27.12.86).

Und nun hatte Kohl - zumindest nach dem englischen Wortlaut des Newsweek-Interviews - Gorbatschow mit Goebbels verglichen, was den Abrüstungsdialog schließlich zwei wertvolle Jahre kosten sollte, in denen dieser weitgehend zum Stillstand kam.

Als die Goebbels-Nennung im November 1986 zu wirken begann, überstürzten sich die Beschuldigungen. Kohls Regierungssprecher Ost geriet zunächst unter den Beschuss seiner Pressekollegen, weil er Newsweek (wörtlich) eine "Fälschung" vorgeworfen hatte. Kein Wunder, denn auch Kohl beharrte auf der Lesart der Fälschung, oder der missverständlichen Zitierung, oder der falschen Kürzung etc. Dies aber musste so verstanden werden, dass Kohl sich im Original-Interview völlig unmissverständlich ausgedrückt hatte und dort keinerlei Anlass für die Unterstellung gegeben hatte, er habe Gorbatschow mit Goebbels verglichen.

Was dann geschah, kam einer Sensation gleich. Newsweek brach das Gesetz der journalistischen Diskretion und spielte das Originalband der betreffenden Passage in Bonn der versammelten Weltpresse vor. Heraus kam aber nur, was schon bekannt war, dass Nagorski den Originalwortlaut für die Druckfassung gekürzt hatte und Regierungssprecher Ost und der Dolmetscher harmlose Zusätze in den gekürzten Text eingebaut hatten.

Was muss in der amerikanischen Zentralredaktion vorgegangen sein, bevor man sich zum Schritt vor die Weltpresse entschloss, noch dazu wegen einer Sache in Deutschland, ein Land, das im Blatt bis dahin ohnehin nur am Rand vorkam? Machte man nicht künftige Interviewpartner misstrauisch? Welche journalistischen Folgen würde die Konfrontation mit Kohl für Nagorski und das Bonner Newsweek-Büro haben? Wenn diese und andere Überlegungen je angestellt wurden, wogen sie offenbar gering. Der Zorn muss groß gewesen sein.

Zorn, nicht allein journalismus-ethische Erwägungen dürfte den Schritt NewsweekS 'in eigener Sache' an die Öffentlichkeit motiviert haben. Denn als das Band dann der Weltpresse vorlag, was brachte es mehr, als dass Kohl - trotz Kürzungen - genau das gesagt hatte, was im Blatt stand? Newsweek konnte seiner Sache also sicher sein. Hätte da nicht ein dezenter Hinweis ans Kanzleramt, oder die freundliche Übersendung des Tonbands genügt?

Offenbar nicht, denn selbst, als Kohl mit dem Band konfrontiert wurde, blieb er dabei, man habe ihn missverstanden. Er habe Gorbatschow nicht beleidigen wollen. Anlass zur Entschuldigung sah Kohl damit erst recht nicht. Doch auch Nagorski war nicht ganz aus dem Schneider. Der Goebbels-Gorbatschow-Vergleich musste auch ihm recht spektakulär vorgekommen sein. Die Wirkung wird der erfahrene Korrespondent geahnt haben. Wenn er also diese spektakuläre Episode des Interviews ins Blatt nahm, warum dann nicht wirklich vollständig? Warum strich er aus Kohls Gedankengang gerade an dieser spektakulären Stelle bestimmte Zwischenteile? Und warum markierte er gerade an dieser delikaten Stelle nicht die vorgenommenen Kürzungen?

Nagorski war also durchaus kritisierbar, es sei denn, er kürzte, um Dinge zu unterdrücken, die offenbar ihm selbst, dem amerikanischen Patrioten, gegen die Hutschnur gegangen waren, oder er hatte lediglich noch größeres Unheil verhindern wollen, in der Meinung, damit Kohl (und andere und auch anderes) zu schützen.

Schließlich folgte das letzte Kapitel. Als die Bonner Presse den vollen Wortlaut der inkriminierten Passage vernommen hatte, geschah ein weiteres Wunder: Der volle Wortlaut spielte fortan keine Rolle mehr. Aus der Langfassung vom Band wurde wieder die aus Newsweek vertraute Kurzfassung. Man hielt Kohl nach wie vor die beiden Sätze vor: " ... der versteht was von PR. Goebbels verstand auch was von PR ...". Die Deutsche Presse-Agentur erbarmte sich lediglich, ihren Abonnenten noch den schwerwiegenden Kohl-Satz "Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen" als Beigabe zu übermitteln, womit man einfach einmal unterstellte, Kohl habe damit den Goebbels-Gorbatschow-Vergleich noch hervorheben wollen. Die gesamte deutsche Tagespresse gab fortan das Kohl'sche Newsweek-Interview in dieser Fassung an ihre Leser weiter.

Kein Wunder, wenn die SPD-Opposition im Deutschen Bundestag nicht viel besser informiert war, aber auch kein Interesse an näheren Informationen hatte. In einer Aussprache im Bundestag [ 4 ] kochten die Oppositionsredner die ganze Sache noch weiter zum Stichwort "Stammtisch" zusammen und entsorgten sie damit. Zwar hätte das Stichwort eine neue Deutung und eine neue Insistenz ermöglicht, denn wenn Kohl im Interview sein Herz ausgeschüttet und offen gesagt hatte, was er meinte, hätte das nicht zur Frage führen müssen, was der Kanzler denn in aller Welt gemeint habe, zumal, da Kohl weiterhin beteuerte, er habe Gorbatschow nicht beleidigen wollen und sei missverstanden worden?

Stattdessen schloss sich die SPD-Opposition der von der deutschen Presse gestellten und beantworteten Frage an, ob Kohl "verglichen" habe oder nicht. Er hatte - und damit hatte es sich. Vom fernen Dornstetten im Schwarzwald winkte sogar auch Erhard Eppler ab: "Die Totalitarismus-Theorie, in der Kohl aufgewachsen ist, steht hinter dem Vergleich. NS = Bolschewismus, Goebbels = G [Gorbatschow]. Und beide haben schlimme Ziele, aber raffinierte Methoden" [ 5 ] - was die Beleidigungsthese stützte, aber nicht erklärte, warum Kohl diese These standhaft gegen den offensichtlichen Augenschein bestritt.

Entsprechend betroffen, aber auch erfreut wirkte Andrew Nagorski am Telephon: Sehr viele Rückfragen schienen ihn nicht erreicht zu haben, seit das Interview mit Kohl erschienen war. Ich kannte den Tonbandmitschnitt noch nicht, aber im Gespräch erhärtete sich der Verdacht: Die Beteuerungen Helmut Kohls, er hätte keinerlei "Beleidigung" Gorbatschows im Sinn gehabt, als ihm "Goebbels" einfiel, hatten offenbar einen tieferen Grund. Und die Weglassungen im gedruckten Text des inkriminierten Interviewteils konnten durchaus deshalb erfolgt sein, weil sie nicht Gorbatschow, sondern den US-Amerikaner Nagorski beleidigt hatten. Offenbar waren zu wenige deutsche Journalisten da gewesen, die mit den deutsch gesprochenen Texten ihres Kanzlers oder überhaupt etwas mit gesprochenen oder überhaupt etwas mit Texten anfangen konnten.

Nagorski jedenfalls erklärte sich bereit, mir jenen Mitschnitt des Interview-Ausschnitts zu schicken, dem auch die Bonner Presse gelauscht hatte. Schließlich stellte Andrew Nagorski die für ihn entscheidende und für den deutschen Journalismus verheerende Frage: "You are a journalist?" Ich musste wahrheitsgemäß antworten: "No, no, I'm a teacher." Nagorski: "Oh."

Die nachfolgende Analyse entstand zwischen Dezember 1986 und Januar 1987 und wurde redaktionell überarbeitet. Andrew Nagorski verließ im Herbst 1988 die Bonner Newsweek-Redaktion und übernahm eine Leitungsfunktion beim Carnegie Endowment for International Peace in Washington. Von 1990 bis 1996 betreute Nagorski die Newsweek-Büros in Warschau, danach in Moskau. Seit Juli 1996 war Andrew Nagorski Newsweek-Bürochef in Berlin.

Just im Dezember 1999 kehrte der Journalist ins New Yorker Büro von Newsweek zurück. Dorthin wurde ihm das vorliegende Manuskript zur Kenntnisnahme und zur Gelegenheit eines Kommentars übermittelt. Andrew Nagorski und Newsweek haben keinen Widerspruch gegen das Manuskript oder gegen die Veröffentlichung des Tonbandmitschnitts erhoben.

[ 1 ] Das britische Massenblatt Sun berichtet schadenfroh: "Former German leader Helmut Kohl could be jailed for five years over a slush fund scandal. Prosecutors said yesterday they were investigating his role in illegal political financing. Kohl, 69, the architect of the European Union and the failing euro currency, has admitted he controlled secret accounts while running the Christian Democrats party. He confessed to receiving £625,000 in anonymous donations between 1993 and 1998 and keeping them off the books breaching German laws. The probe could end in Kohl being prosecuted and locked up. His party might also be hit with massive fines. Kohl was German Chancellor for 16 years and one of the most powerful people in Europe. He was booted out of office last year and replaced as leader by Gerhard Schroeder, head of the Social Democrats. Kohl's spokesman said he would cooperate with investigators. A statement added: "He places his faith in the work of the authorities and will support it." " In: The Sun (30.12.1999) / Kohl may be jailed. From Allan Hall in Berlin.

[ 2 ] "Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) forderte die Partei auf, endgültig aus dem Schatten des Altkanzlers zu treten. Es gehe darum, "sich aus den Denkgebäuden, aus den Verhaltensstrukturen, aus dem Politikverständnis einer zutiefst von Helmut Kohl geprägten Zeit zu lösen", sagte Biedenkopf dem Spiegel." In: Frankfurter Rundschau vom 31.12.1999

[ 3 ] Eigene Übersetzung.

[ 4 ] nach der Hamburg-Wahl am 8.11.1986, die in eine von den Grünen tolerierte SPD-Minderheitsregierung mündete - CDU: 41.9; SPD 41.8; Grüne: 10.4; FDP: 4.8 (nicht mehr im Landesparlament vertreten)

[ 5 ] Persönliche Mitteilung vom 3.1.1987

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