Wilhelm Hugo - Exilarchiv

Helmut Kohl: "...man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen..."

III. Holmes und Watson bei der Analyse

"Kalifornien"
Die Nennung 'Hollywoods' ist überraschend im Zusammenhang der Nennung Goebbels, bzw. in der Vermittlung durch den Begriff PR. Allerdings setzt Kohl 'Kalifornien' an die erste Stelle. Silicon Valley aber hat nichts mit PR zu tun. 'Kalifornien' und Hollywood zusammen erst ergeben den Assoziationszusammenhang 'Reagan', dessen politische Heimat Kalifornien ist und der in Hollywood seine Karriere als Schauspieler begann.
"in Kalifornien"
"In Hollywood"/ "in Kalifornien" ist abgeleitet von Redewendungen wie 'an der Uni', (war nie) 'im betreffenden Land' (Karl May), meint also einen Ort, wo aus erster Hand Kenntnisse vermittelt werden, meint damit zugleich Schulung und Erfahrung, praktische Erfahrung vor allem, im Gegensatz zu bloß theoretischem Wissen ohne eigene Anschauung. "Kalifornien"/"Hollywood" stehen zu 'Reagan' als Synekdoche, charakterisieren ihn durch Hervorhebung seines Hintergrunds. "Kalifornien" (Silicon Valley) fügt assoziativ hinzu 'absolut führend', 'experimentierfreudig', 'freie Wirtschaft' etc.
"war nie"
"War nie" assoziiert 'hatte nie die Möglichkeit', aus finanziellen Gründen etwa, impliziert also soziale Inferiorität, aber starken Ehrgeiz ('obwohl' er nie dort war). Gorbatschow will also etwas werden, ist Vertreter der Tellerwäscher-Mentalität. "War nie" wertet durch folgendes "aber" die Anstrengung und Leistung Gorbatschows auf.
Vergleichsmaterial ist die Vorstellung des zweiten Bildungswegs. Absolventen dieser Art werden des 'trotzdem' wegen bewundert. Bewundert wird das Unkonventionelle, die überragende Intelligenz, die sich durchsetzt, obwohl einer "nie", wie andere, z.B. 'ein geregeltes Zuhause hatte'. Stärker ist aber die Betonung der natürlichen Begabung, die ohne Schule auskommt und sich dennoch durchsetzt.
Vergleichsmaterial wäre hier (was wiederum erstaunlich passt) die Bewunderung für große Schauspieler, die (wie Reagan?) 'nie' auf der Schauspielschule waren. Impliziert ist dabei ein Verhalten der guten, alten Zeit, in der dies möglich war, verglichen mit dem 'Durchschnitt', den die Schulen 'heute' produzieren. Daraus abnehmbar ist eine gewisse Verachtung für 'Schule', die an Spitzenbegabungen vorbeigeht, aber auch ein nostalgisches Element der Sehnsucht nach einer völlig freien Selbstwerdung durch das Fehlen staatlicher Ordnung in Zeiten der Not (Nachkriegszeit). Dies passt zur Bewunderung Gorbatschows als Vertreter einer Nation ohne ausgefeiltes Wohlstandssyndrom. Kohl sympathisiert mit Gorbatschow, indem er sich mit dessen praktischer Intelligenz in Zeiten der Not identifiziert.
"War nie", unter dem Aspekt der individuellen Initiative, des Innovativen, weitet dann die Bedeutung von "Kalifornien"/"Hollywood" aber aus und ruft eine dort schon vergessene Dimension auf. Der Unterschied zur Gorbatschow'schen Frühform des Selfmademan besteht in der wirtschaftspolitischen Infrastruktur der USA (Silicon Valley), in der Identifikation des Gesamtstaats mit dem Leitbild, wohingegen Gorbatschow als Vertreter einer immer noch starren Gesellschaft den großen Sprung wagen will und dabei als Einzelner gegen die Infrastruktur seines Landes ein unerhörtes Risiko eingeht, allerdings zugunsten des ähnlichen, also 'nationwide' zumindest übernommenen Leitbilds, das Hollywood nur noch filmisch rekapituliert.. Gorbatschow wäre danach ein 'settler' im fremden Land, wie es die amerikanischen Settler waren. Gorbatschow - in Kohls Sichtweise - entwickelt im Grunde 'amerikanische' Energie, wenn auch auf einem Entwicklungsstand, den die USA bereits weit hinter sich haben.
"Kalifornien"/"Hollywood" wäre dann das Klassenziel, allerdings mit dem Unterschied zu den USA noch mit einem Ehrgeiz und einem Einsatz von Energie, das Klassenziel zu erreichen, das den Amerikanern schon abgeht. Gorbatschow, im Unterschied zu Amerika, ist wie ein Cowboy unberechenbar und könnte als Einzelner neue Ufer erreichen ("aber versteht was von PR"). Er ist insofern eine Herausforderung, wenn nicht eine Gefahr für die durch "Kalifornien"/"Hollywood" gesetzte Latte.
Rückwirkend wertet "war nie" die Schule Kalifornien/Hollywood auf zu 'führende Anstalt', an der die erste Garnitur lernt, etwa in 'hat bei Prof. X in Y studiert', und impliziert, Gorbatschow nehme es damit auf. Im Hintergrund werden damit assoziiert, sich anstrengen, nacheifern, beobachten, studieren. Gorbatschows 'approach' wäre danach urwüchsig, schöpferisch, innovativ, in gewisser Weise unberechenbar, intelligent, gerissen.
"War nie, aber" signalisiert daher auch die Gefahr, Gorbatschow könne Hollywood/Kalifornien durchaus überflügeln. Dabei sind zwei Kontraste zu beachten, die sich überschneiden: Gorbatschows urwüchsige Energie lässt - wie oben schon ermittelt - ans amerikanische Klischee des 'settler' denken, an einen Cowboy etc., an genau jene Haltung also, die der amerikanischen Aufbruchsideologie der Frühzeit zugrundeliegt und für die gerade der - alternde - Schauspieler Reagan steht. Wie zu dieser historischen Zeit der USA steht nun Gorbatschow im 'fremden' Land, der starren Sowjetunion, die er zu erobern gedenkt. Eine Leistung hat er bereits vollbracht. Er ist ein "moderner" kommunistischer Führer, im Gegensatz zu seinen Vorgängern. "Modern" korrespondiert mit "Kalifornien" (Silicon Valley). Während in den USA das Leitbild der 'Modernität' die Gesellschaft durchdringt, steht Gorbatschow einer Gesellschaft gegenüber, die damit noch nichts anfangen kann.
Daran schließt sich ein zweiter Kontrast an. Er besteht in der Konkurrenz zwischen dem Neuanfang Gorbatschows und der längst vollzogenen Formierung der amerikanischen Gesellschaft, die sich allerdings, und dies ist der Kontrast, mit dem 'alten' Reagan identifiziert. Wenn Gorbatschows 'junger' unkonventioneller Zugriff aber gegen das eingefahrene amerikanische System gestellt wird, dann kann Gorbatschows Aufbruch - eben, wenn man nicht höllisch aufpasst - dereinst zur 'Ablösung' führen. In dieser Warnung aber steckt eine - für die Deutung entscheidende - handwerkliche Kritik Kohls an Reagan, den er offenbar warnen will, naiv zu meinen, immer noch 'der größte' zu sein. Freilich ist auch ein Element der Angeberei unverkennbar. Kohl ist (herablassend und nachsichtig Reagans Alter gegenüber) stolz auf den mächtigen Freund Reagan, dem zuliebe er keine noch deutlicheren Einschränkungen macht.
Mit "Kalifornien"/"Hollywood" ist aber zugleich ein 'Etwas' vorausgesetzt, das, was man dort - im Unterschied zum Rest der Welt - bis zur Perfektion lernen kann: PR. Um was es sich dabei genau handelt, will Kohl offenbar bewusst unausgesprochen lassen, so als wüssten Eingeweihte schon, worum es geht (zumal, wenn das Stichwort 'Goebbels' fällt). 'PR' umgibt daher die Aura des Geheimnisvollen für jene, die 'nicht eingeweiht' sind. Für sie dürfte 'PR' daher - rational - unzugänglich sein. Kohls Faszination für "Kalifornien"/"Hollywood" entpuppt sich - näher betrachtet - also als Faszination am geheimen Wissen 'unter wenigen Staatsmännern' der Welt (Kohl eingeschlossen).
"Der Goebbels"
Kohls Goebbels-Hinweis wirkt unmittelbar obszön. Er verletzt die geltenden Tabus: Man darf 'Goebbels' nicht in dieser Weise außerhalb des historischen Kontexts des Dritten Reichs nennen. Versuche, Goebbels in Vergleichen zu aktualisieren - vgl. 'Grüne' = Goebbels; DDR = KZ (Kohl) - , sind misslungen. Der Misserfolg lag offenbar in der starken Bindung des Namens an den historischen Kontext, in der Vorstellung des Unwiederholbaren und des Ausmaßes der nazistischen Verbrechen, bzw. in der Gleichsetzung des Nazismus mit Verbrechen schlechthin. 'Goebbels' gilt als Metapher für Undenkbares und hat inhaltlich die Form eines philosophischen Begriffs angenommen, was seine Instrumentalisierung begrenzt. [ 6 ]
Kohls Nennung wirkt durch das offensichtliche Fehlen dieses traditionellen (assoziativen) Kontextes überraschend, gar befreiend, 'locker', dann aber obszön. Ein Element von Genuss ist nicht zu leugnen. Kohl ersetzt den Kontext, der zu erwarten wäre, durch umgangssprachliche Formulierungen, nimmt dem Namen also die Aura eines 'pools' (eines Sammelbeckens 'hoher', hier superlativischer Verbrechensvorstellungen).
Dazu trägt insbesondere auch der bestimmte Artikel vor 'Goebbels' bei: Kohl sagt 'Der Goebbels'. Damit individuiert er den Angesprochenen, schafft damit aber auch eine eigenartige Mischung persönlicher Perspektiven auf ihn. Einerseits ist historische Distanzierung und eine gewisse umgangssprachliche Abwertung am Werk, die über die Betonung einer bloßen Funktion vermittelt ist (Vergleichsmaterial wäre: 'Der Hausmeister'), die aber ebenso als Aufwertung gedeutet werden kann ('der Papst). Die ebenfalls umgangssprachliche Komponente der Vertrautheit ('der Hans') ist aber nicht weniger abnehmbar.
"verstand was"
"Verstand auch was von" ist unterteilbar. "Verstand was von" ist abgeleitet von 'etwas von seinem Handwerk verstehen'. Die Kurzform "was" nimmt der Vorstellung vom Handwerker aber die seriöse Komponente und lenkt sie ins Umgangssprachliche. Handwerk in diesem Sinn deutet auf die Kategorie des genialen Tresorknackers, auf eine Figur einer Kriminalkomödie zum Beispiel, auf die englischen Posträuber. Die Protagonisten nötigen dem Zuschauer Bewunderung ab. Amüsement ist im Spiel (ein kluger Außenseiter gegen die dumme Obrigkeit), Schadenfreude, dass der Macht ein Schnippchen geschlagen wurde. Erkennbar ist die Konstellation eines Einer-gegen-alle-Coups, des Zurückschlagens, des Es-ihnen-Zeigens. Kohls Amüsement ist im Tonbandmitschnitt an dieser Stelle belegt: Er lacht gurrend. Das Amüsement signalisiert Identifikation und Solidarität (gegen die übermächtigen Gegner), wie dies am Verhalten der Zuschauer in Kriminalkomödien ablesbar ist.
Wichtig ist, dass der neue Kontext zum einen das Verbrechen als (gerechtfertigten) Gegenschlag, als Notwehr erscheinen lässt, dass zum anderen das Verbrechen grundsätzlich nur im Raub von Kapitalwerten besteht, dass körperliche Gewalt nicht inbegriffen ist, schon gar nicht Mord (vergleiche die 'Philosophie' der englischen Gentleman-Räuber). Der neue Kontext (gerechtfertigtes, aber 'nobles' Verbrechen) ist hier in der Tat auf Goebbels bezogen.
"auch"
"Auch" verstärkt die Komponente des Reagierens, der Antwort. 'Goebbels war schließlich auch nicht auf den Kopf gefallen': Goebbels hat Dinge durchschaut, den Gegner zum Beispiel, den er dann mit dem Coup überraschte. "auch" signalisiert daher Intelligenz, auch taktische Cleverness. Die Verbindung mit "was" führt allerdings wieder Trotz ein. Dies gewinnt Bedeutung in Bezug auf die Sprechsituation Kohls einem amerikanischen Interviewpartner gegenüber. Hier wiederholt sich die 'Goebbels' unterlegte Neudeutung, bzw. die Komponente des 'Es-jemand-Zeigen'. Kohl solidarisiert sich mit Goebbels dem Amerikaner gegenüber, so als sehe der Amerikaner auf Goebbels herunter. Zum anderen folgt Kohl im gesamten Interviewteil einem pädagogischen Impuls (ausweislich auch der Tonaufnahme selbst), als wolle er dem amerikanischen Interviewpartner etwas beibringen, was dieser - als US-Amerikaner - ohnehin nicht kapieren wird.
Mit dem Element des Trotzes zusammen ergibt dies für "auch was" den Tenor der Rehabilitation aus nationaler Kontinuität. Kohl will dem amerikanischen Partner verdeutlichen, dass Goebbels längst vor Reagan die besagte Fertigkeit perfekt beherrschte. Kohl weist sich sozusagen als Kenner aus, der im Gegensatz zu dem Amerikaner in eine alte, nämlich die eigene Geschichte zurückgreifen kann, während der Amerikaner dies nicht kann.
"verstand auch was"
"Verstand auch was" heißt dann latent 'verstand auch schon was'. Darin verbirgt sich Herablassung der amerikanischen Geschichtslosigkeit gegenüber, altes Europa wird gegen das 'junge Amerika' gestellt. Erkennbar wird das Klischee von der 'deutschen' Erfindung, die von den Amerikanern für original ausgegeben wird, das sie aber, ähnlich den Japanern im Bereich der Industrie, bloß übernommen haben. Goebbels wäre dann der 'Altmeister', dessen 'historische Leistung' in Sachen PR Kohl nicht geschmälert sehen möchte.
Pädagogischer Impuls
Auch einige andere Elemente des Textteils stützen diese Lesart, Kohl wolle dem Amerikaner Nagorski etwas beibringen, ihm klarmachen, dass er, Kohl, einen fundierteren Hintergrund habe als der Gesprächspartner. Besonders brisant wird dies, da Kohl damit vorgibt oder behauptet, dass die Amerikaner die Technik von PR 'eigentlich' nicht richtig verstehen, obwohl das Mekka der Auszubildenden in Kalifornien/Hollywood liegt. Wie eben auch Reagan gehen die Amerikaner offenbar mit PR zu unbewusst und naiv um: Sie 'kennen die Hintergründe nicht'.
Das Lachen Kohls fungiert dabei als Ermutigung (Verstärkung) des Lernprozesses. Tatsächlich lacht der Amerikaner Nagorski zum Schluss auch, freilich eher gequält, gibt Kohl damit aber die Gewissheit, er, Nagorski, habe etwas dazu gelernt im Sinne von 'Ah, so ist das, das habe ich noch nicht gewusst'. Der amerikanische Partner, so muss man Kohls Bemühungen entnehmen, ist einer jener potenziellen Narren, ein Gefährdeter, von denen er an anderer Stelle spricht.
Kulturen
Wenn demnach die Amerikaner Gorbatschow gegenüber 'alt' aussehen, Kohl aber den amerikanischen Interviewpartner für 'grün' hält, ergibt sich eine Reihung von Kulturzuständen. Die an Erfahrung und Tiefe jüngste wäre danach die sowjetische, noch befangen in Erstarrung, die der 'junge' Gorbatschow aufzubrechen versucht. Dann käme Reagans Amerika, das 'wie immer' alles bis zum letzten auskostet ("Hollywood") und aus kindlichem Spieltrieb die Außenwelt vergisst und für 'Bedrohung' im Gewand der Gorbatschow'schen PR, keine sinnliche Dimension besitzt. Die Amerikaner praktizieren PR zwar perfekt, begnügen sich aber mit der Tagesattraktion. Es fehlt die Tiefe, die historische Dimension einer 'alten' Kultur - und die liefert Kohl nun nach: An Erfahrung und Tiefe, an Urteilskraft - was PR angeht, reichen weder Reagan noch Gorbatschow an ihn, Kohl, heran.
Geschichtsvorstellung
In Kohls pädagogischer Geste enthalten ist auch das Bewusstsein, der 'Gefahr' näher zu sein (nicht "in Kalifornien"/"Hollywood", sondern in Deutschland zu leben), sie aus näherer Anschauung zu kennen als der amerikanische Interviewpartner. Da dieser (Nagorski) freilich schon lange genug in Bonn arbeitet, muss Kohls pädagogischer Gestus Nagorski gegenüber ohnehin als Affrond wirken, und dies erst recht, wenn sich dahinter Kohls Unkenntnis der Tatsache verbergen sollte, dass Nagorski nicht nur als erfahrener Bonner Korrespondent eines weltweit renommierten Blatts, sondern eben auch als gestandener Kritiker der Sowjetunion gilt, der derlei Lektionen nicht nötig hat. [ 7 ]
Schlimmer muss allerdings die Wirkung sein, wenn Kohl vom langen beruflichen Engagement Nagorskis in Bonn Kenntnis hat. Dann nämlich vermittelt Kohl Nagorski nur eines: Ein Amerikaner kann nicht lernen, was Kohl weiß. Allein räumliche Nähe zur sowjetischen Gefahr reicht nicht - hinzukommen muss eine Art von Verarbeitung historischer Erfahrung, für die allein Kohl steht. 'Nähe' das heißt dann das Denken in langen Zeiträumen, lange Zeiträume verstanden als Charakteristikum der europäischen Geschichte. Die knappe Goebbels-Nennung Kohls soll demonstrieren, wie souverän er die großen Linien der Geschichte beherrscht, wie er in knappster Form Verbindungen herstellen kann.
Vorausgesetzt ist dann Geschichte als begrenzte Anzahl typischer Phänomene. Die Fähigkeit zur Reduktion einer komplexen Geschichte auf wenige Grundphänomene stellt Kohl (sonst wäre keine pädagogische Bemühung notwendig) einer anderen Sicht gegenüber, die er offenbar im Gesprächspartner vermutet. Die umgangssprachliche Form in "verstand auch was" dient der Demonstration, dass Kohl mit 'großen' Dingen der Geschichte mühelos umgehen kann, dass er sich nicht 'beeindrucken' lässt von ihnen, ihnen ihre geschichtliche Unvergleichbarbeit bestreitet, ihre Einfachheit herausarbeitet. Kohl nimmt damit einen aufklärerischen, rationalistischen Impuls für sich in Anspruch.
Vergleichsmaterial für Geschichte, wie Kohl sie versteht, (lange Zeiträume, einfache Prinzipien), ist die Naturgeschichte, das 'Kommen und Gehen'. Insofern entstammt Kohls Geschichtsvorstellung dem Positivismus des 19. Jahrhunderts mit dessen Freude an biologistischen 'Blüte'-Modellen, denen im Erziehungswesen Deutschlands bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zentrale Bedeutung zukam. Konstitutiv ist der Glaube, den 'Niedergang' von Kulturen (oder Epochen) und die Entstehung von Kulturen (z.B. Rom, der Klassik etc., politisch-militärischer Machtkomplexe, bzw. deren kultureller Ausformung) endlich gesetzmäßig erklären zu können, verbunden mit der biologistischen Definition 'schwacher' und 'starker' Völker.
Leitendes Interesse ist die Instrumentalisierung dieses Wissens zur Herbeiführung oder 'Erklärung' einer Blüte-Macht oder Blüte-Epoche oder zur Manipulation der Faktoren, die zum 'Niedergang' zu führen drohen. Leitendes Interesse ist ebenso, dem 'Gesetz' gemäß zu handeln, der Geschichte zu beweisen, um welche Phase es sich derzeit gerade handle. Daraus entsteht entweder die 'Warnung vor dem Niedergang' oder der harte 'Preis der Blüte'. Hinzu kommt die Gestalt des großen Führers, der charismatischen Gestalt, die die 'Zeichen' erkennt und die Geschichte, das heißt das 'Überleben' vorantreibt. Der Widerspruch zwischen 'Gesetz' und 'Manipulation' wird nicht erkannt. Der Impuls, mit Macht das 'Überleben' zu sichern, ist bereits Ausweis einer in diesem Sinn 'starken' Kultur.
Kohls pädagogische Bemühung belegt darüber hinaus, dass er 'mit Begeisterung' andere überzeugen möchte. Missionarischer Eifer im Verbreiten seiner 'Entdeckungen' ist unverkennbar. Das biologistische Geschichtsbild liegt offenbar der erwähnten wertenden Reihung der Kulturen (Gorbatschow-Reagan-Kohl) zugrunde. Kohl interessieren dann die Faktoren, die zum 'Niedergang' oder zur 'Blüte' führen. Der amerikanische Gesprächspartner zeigt, und dies fordert Kohls pädagogische Emotion heraus, offenbar die 'Schwäche', die Kohl von niedergehenden Kulturen kennt, die sich selbst aufgeben, weil sie sich selbstvergessen auf den 'Lorbeeren ausruhen'. Die Bezeichnung "Narren" korrespondiert gut dazu. Kennzeichen des Schwachen ist dann auch, dass er die Absicht des Starken nicht erkennt, diese Schwäche auszunutzen. Assoziierbar wären typische Begriffe wie 'Verzärtelung', 'angekränkelt', 'dekadent', 'wuchern' etc. aus dem Wortschatz der biologistischen Geschichtsauffassung.
Verbrechen
Impliziert in der Vorstellung einer 'starken' Kultur ist der Preis großer Verbrechen, der Gnadenlosigkeit (Vergleichsmaterial wären Napoleon, Karl der Große, Caesar etc.), des schmerzhaften Eingriffs und die Anerkennung solcher Kulturen 'trotz' dieser Verbrechen, die, gemessen am 'geschichtlichen Auftrag' notwendig, unvermeidlich, weitsichtig, groß, gut sind (geschichtliche 'Leistung'). Typisch für die diesbezügliche Argumentationen ist die Figur des 'zwar, aber'. ('Hitler hat zwar sechs Millionen Juden umgebracht, aber er hat sechs Millionen Arbeitslose von der Straße geholt und die Autobahnen gebaut.' Oder: 'Karl der Große hat zwar unter den Sachsen ein Gemetzel veranstaltet, aber man denke an die Genialität seiner Ordnungspolitik' etc.). Kohl baut Gorbatschow in dieses Geschichtsbild ein als den "Führer" einer 'starken' oder wieder erstarkenden Kultur.
Auch Kohl wird geläufig gewesen sein, dass 'der Goebbels' Verbrechen zu verantworten hat. Sonst würde die Nennung des Namens - im Zusammenhang einer Warnung vor Gorbatschow - keinen Sinn machen. Die Formel des 'zwar - aber' kann hier helfen, die Komponente des Verbrechens wieder aufzufinden: 'Goebbels hat zwar Verbrechen begangen - aber er verstand was von PR'. Die Ergänzung durch einen gedachten Einschub mit 'zwar' ist aus folgendem Grund zwingend:
Der gedachte oder zu denkende Vor-Satz ist gegen eine zu positive Bewertung Gorbatschows durch den Interviewpartner gemünzt. (Tenor: 'Gauner hat es schon früher gegeben'). Auch Gorbatschow könnte sich als neuer Goebbels erweisen, einer, der PR einsetzt, um Verbrechen zu begehen oder zu vertuschen. PR macht die Täuschung möglich. Deshalb ist bei Gorbatschow Vorsicht geboten. Doch angesichts eines möglichen biologistischen Geschichtsbilds Kohls kann dies nicht heißen, dass Kohl vor Verbrechen warnt oder Gorbatschow gar Verbrechen 'ankreidet', sondern lediglich, dass Kohl davor warnt, dass Gorbatschow eine unter allen großen Staatsmännern als völlig legitim geltende Kunst möglicherweise bald besser beherrscht als alle anderen.
Enthistorisierung von 'PR'
'PR' auf Goebbels zu beziehen, gehört darüber hinaus zur Absicht Kohls, seine Fähigkeit zur genialen Vereinfachung komplexer historischer Vorgänge unter Beweis zu stellen. Tenor: 'Wieso hochtrabend von 'Propaganda' reden, das war nichts anders als PR.' oder 'Das hat es doch schon immer gegeben.' Kohl raubt dem historischen Vorstellungskomplex das Unwiederholbare - dies scheint Kohl als seinen zentralen, pädagogischen Coup anzusehen. PR ist nicht an Personen und Epochen gebunden, sondern ist eines jener wenigen, simplen Elemente, aus denen Geschichte gemacht ist, denn - sie wird von Menschen gemacht, und die sind, wenn es 'große' Menschen sind, immer gleich.
Deshalb macht Kohl auch nicht den geringsten Versuch, zwischen Goebbels "PR", Gorbatschows PR und Hollywoods PR zu unterscheiden. Im Gegenteil scheint ihm gerade die allen dreien gemeinsame Qualität am Herzen zu liegen. Diese Qualität lässt sich aber einzig und allein in der Verbindung 'Verbrechen größten Ausmaßes' erkennen, eine Qualität, die Kohl durch das alles Verbindende (Goebbels) ausdrücklich zur Verdeutlichung nennt. Enthistorisiert ist demnach PR zu definieren als Mittel (starker Kulturen/Führer/Machtkomplexe), notwendige Um- oder Abwege 'großer' Politik vorzubereiten oder zu verbergen, gleichgültig, ob von Goebbels, von Gorbatschow, von Hollywood/Kalifornien (Reagan) oder - von Kohl.
Redesituation
Die Tatsache, dass Kohl weder 'Goebbels' noch 'PR' semantisch von Reagans oder Gorbatschows Praxis abhebt, hat auch Bedeutung in der Pragmatik der Redesituation: Offenbar ist Kohl in Fahrt. Auf dem Originaltonband fasst er die parallel im Hintergrund verlautende Simultanübersetzung des Dolmetschers geradezu als Anfeuerung und als Aufforderung auf, nach jeder Kurzintervention des Übersetzers einen erneuten Glanzpunkt zu setzen. Während Kohl den amerikanischen Gesprächspartner aber in dieser Weise argumentativ bearbeitet und beeindrucken will, hat er sich an den Rand einer 'Nennung' manövriert, die er bisher offenbar noch nicht so öffentlich 'gedacht', aber persönlich doch wohl schon immer hegt (eine der 'Verbindungen', die Kohl im gesamten gedruckten Interview entdeckt): Nun plötzlich kommt Kohl ins Stottern und damit in einen unangenehmen Rückstand mit den Interventionen des Übersetzers.
Erst beim dritten Anlauf und gewiss auch unter dem Druck der Redesituation fällt die Entscheidung, kurz hintereinander nicht nur "Kalifornien" und "Hollywood", sondern eben auch "Goebbels" zu nennen, ergänzt durch die endgültige Weichenstellung unmittelbar darauf: Nun schon befreit, fällt Kohl dem anwesenden Übersetzer des Auswärtigen Amts ins Wort mit dem Folgesatz "Man muss doch .... " - es ist eine Selbstermutigung (Tenor: 'Zum Donnerwetter noch mal! So ist's doch!'). Kohl bewertet den Wahrheitsgehalt seines Gedankenblitzes offenbar sehr hoch. Er kennt zwar dessen Brisanz, entscheidet sich aber dazu, 'endlich einmal Klartext' zu reden. Mögliche Zweifel und eine fällige Reflexion überspringt er und füllt die Lücke mit einem besonders lauten 'Schlag auf den Tisch'. Aber dies bleibt hörbar eine Schrecksekunde für ihn, denn das, was Inhalt der Reflexion und der Ausarbeitung sein müsste, erregt ihn, wahrscheinlich, weil dort das 'Große' drinsteckt. Er belässt es daher beim symbolischen Stichwort.
"modern"
Die Verbrechensvorstellung, die Kohl mit PR in Verbindung bringt, steht in offensichtlichem Gegensatz zu den 'großen' Gestalten der Geschichte, die ihre Verbrechen nicht verheimlichten, weil das Wissen anderer von diesen Verbrechen keine Gefahr für die Macht dieser großen Gestalten beinhaltete - Kohl nennt einige von ihnen im Gesamtinterview wiederholt. Die Komponente des Wissens von Verbrechen unterscheidet die eine von der anderen Verbrechensvorstellung. Offenbar ist aber bei beiden das Verbrechensbewusstsein vorhanden. Insbesondere zu PR gehört aber die Furcht, das Wissen anderer vom Verbrechen könnte für die Machterhaltung schädlich sein. PR steht demnach in Beziehung zu einer Öffentlichkeit, von der die genialen Gestalten der alten Geschichte nicht eingeengt waren.
Der Begriff 'modern' erhält von daher eine ganz spezifische Bedeutung im Hinblick auf den Umgang (in Kohls Vorstellung) 'moderner' Regierungen mit den möglicherweise garstigen, vor der Öffentlichkeit tunlichst zu verbergenden Folgen ihrer Realpolitik. Dies erklärt auch, warum Kohl in Richtung Goebbels eher die Komponente des 'Gauners' assoziiert, der noch nicht 'modern' genug war und sich 'erwischen' ließ.
Dagegen verwendet Kohl in Richtung Gorbatschow eine große, sprachliche Gestik. "Das ist ...", "der war .." sind jeweils die Auftakte für die folgenden Charakterisierungen des sowjetischen Staatschefs: Gorbatschow erscheint als gewichtige Gestalt, die Kohl - sozusagen 'ganz ehrlich' - bewundert. Den großen Gestus zeigen neben 'modern' auch die Charakterisierungen Gorbatschows als "kommunistisch" und "Führer" (wie hätte Kohl also Gorbatschow beleidigen können?):
Dabei korrespondiert im Text "modern" mit 'nicht-liberal' ("Ich halte ihn nicht für einen Liberalen"), mit "attraktiv", "Kalifornien", "Hollywood", "Paris" und mit "schönes Kostüm". Bis auf 'nicht liberal', das vorläufig nicht einzuordnen scheint, entstammen alle anderen dem Bedeutungsbereich 'westlich', signalisieren 'hohen Lebensstandard', 'Konsum', 'Prestige', also die Erfahrungswelt des (westlichen) Bürgertums.
"Kommunistisch" muss dabei in Abgrenzung zu 'sowjetisch' und 'russisch' gesehen werden. 'Sowjetisch' würde Gorbatschow eher charakterisieren als zurückgeblieben, fixiert auf die starre Bürokratie, auf die Nähe zu seinen Vorgängern. 'Russisch' dagegen würde 'russisches Volk', also Herkunft und Zugehörigieit betonen und hätte keinen besonderen Aussagewert, vor allem nicht im großen Sprachgestus dieser Passage. "Kommunistisch" dagegen assoziiert hier ("ein moderner kommunistischer Führer") einen bestimmten persönlichen 'Glanz' und Unabhängigkeit. Kohl wählt also jenen Begriff, der Gorbatschows Individualität am meisten hervorhebt.
"Führer" spielt an auf archaische Staatsformen, auf das unaufgeklärte Volk. Man spricht wohl nur selten von westlichen "Führern", es sei denn auf Treffen der Regierungschefs ('die westlichen Führer'). Zumindest spräche man nicht vom amerikanischen "Führer". Der Begriff lehnt sich an an 'Führung' (die sowjetische Führung) und betont die Lenkung eines ganzes Volkes nach dem Willen des Führers, der Führung. Auch dies stellt Gorbatschows Eigengewicht als Staatsmann heraus.
Dies bestätigt auch eine Analyse der Phrasen "Das ist ... " und "der war ...". "Das ist ..." besteht auf definitiver Feststellung, im Widerspruch zu anderen Meinungen ('Das ist nicht etwa .... , sondern das ist ...'). "Der" im Folgesatz nimmt den Schwung dieses Widerspruchs noch einmal auf, präzisiert ihn also. Dabei kann "Der" aus Vielfältigem abgeleitet sein, z.B. aus 'Ich kenn ihn. Ich sag Ihnen, der ...'. Beeindruckung, auch Warnung, Furcht, Gefahr werden vermittelt, hier dem Interviewpartner gegenüber. Kohl demonstriert Weitsicht, vorzeitiges Erkennen einer Gefahr. Möglich wäre auch die Ableitung 'Ich kenn ihn. Der ist fähig und ... '. Hier würden Unberechenbarkeit, gewalttätiges Temperament überwiegen (vgl. Klischee der russischen Trunksucht, der russischen Seele etc.), das Zupacken und Durchgreifen. Dies aber würde die Vorstellung des Gewaltherrschers stützen, der PR nicht nötig hat, das alte Russland.
Mit "modern" setzt Kohl aber Gorbatschow gerade ab von diesem alten Typus, damit von seinen Vorgängern, denen er diese Eigenschaft wohl nicht zugebilligt hätte. Deshalb muss Gorbatschow ein neuer Typ sein, der sich soeben westlich 'verfeinert' oder bereits verfeinert hat. Es steht daher zu vermuten, dass er es nie 'so' wie seine Vorgänger machen würde, sondern nun mit PR.
Die gestisch beeindruckenden Satzanfänge mit "Das ist ..." und "Der war ...", zusammen mit allen anderen, Gorbatschows Individualität aufwertenden Elemente lassen den gesamten Abschnitt (von "Das ist ... " ab) geradezu zu einer Verteidigungsrede werden. Kohl widerspricht leidenschaftlich, nimmt Gorbatschow gegen etwas in Schutz. Der Impuls, der von "Goebbels" ausgeht und diese positive Stellungnahme (für den Leser und seine Erwartung) stören muss, kann aber gerade deshalb nicht negativ gemeint sein, weil er zugleich an "Kalifornien"/"Hollywood" (Reagan) gekoppelt bleibt. Das Unbegreifliche an diesem Befund liegt an der 'Vernachlässigung' des Verbrechens als einem notwendigen Übel 'großer Politik', wie dies das biologistische Geschichtsbild Kohls auch nahe legt.
Man könnte darin einen 'Realismus' Kohls bestimmen, den er in seiner Verteidigungsrede am Beispiel Gorbatschows dem US-Amerikaner Nagorski gegenüber unter Beweis stellen, bzw. als Lehrer vermitteln will: 'Gorbatschow ist ein 'großer Realist' wie ich. Er ist nicht der Naivling, zu dem ihn manche Weichlinge im Westen machen wollen.' Vor Gorbatschow zu warnen, macht ja erst Sinn, wenn dies klar ist.
Der deutsche Kanzler und die "Narren"
Ebenso, wie Kohls Euphorie für "Kalifornien"/"Hollywood" etwas künstlich anmutet, wirkt auch die dramatische Würdigung Gorbatschows aufgesetzt: Kohl warnt ausgerechnet Reagan ("Hollywood"), den vorgeblichen Meister, vor Gorbatschows Künsten und gibt sich zugleich als Bewunderer dessen aus, vor dem er warnt. Diese 'Äquidistanz' hat Kohl so nachhaltig (im gesamten gedruckten Interview, in dem er übrigens an einer Stelle die Position der 'Äquidistanz' scharf verurteilt) inszeniert, dass sie von allein in die Mitte und auf jenen deutet, der 'beide Seiten' seinem Urteil unterwirft - auf den deutschen Kanzler: In der Tat gab Newsweek dem Kohl-Interview den Titel "Kohl to Reagan: Be Patient".
Das von Kohl an beide Seiten verteilte, 'gerechte' Maß von fachkundigem Lob und Tadel schafft nicht nur eine ü b e r diesen beiden Seiten angesiedelte Macht-Plattform (Kohl), sondern knüpft diese Plattform an einem Maßstab, dem Kohl nicht nur Reagan und Gorbatschow, sondern notwendig auch sich selbst unterwirft, der mit dem Begriff 'Goebbels' eine eindeutige Kennung hat und den Kohl deshalb auch in ein historisches Kontinuum stellt, das offenbar nun bei Kohl angekommen ist.
Durch den unmissverständlichen Hinweis auf Goebbels bestimmt Kohl PR als Instrument der Machtpolitik des Westens und - neuerdings - des Ostens. Kohl enthüllt freimütig, will deutlich machen, will den Gesprächspartner geradezu überzeugen, dass der Westen, besonders Amerika mit etwas operierten, in dem - und dies ist der Anlass für Kohls leidenschaftlichen Einsatz - Gorbatschow offensichtlich gleichzuziehen drohe.
Verständlicherweise kann Kohl deshalb nicht auf die Frage der Legitimität oder Verwerflichkeit von Propaganda/PR stoßen. Allein interessant ist das kniffliche Problem, dass Gorbatschow sich mit PR nun an eine westliche Öffentlichkeit wendet, die sozusagen von Haus aus gewohnt ist, der betreffenden Wirkung zu erliegen: Gorbatschow ist dabei, Widerstände im Westen gegen seine Interessenpolitik noch besser als Reagan zu neutralisieren. Die Neutralisierung der entstehenden innersowjetischen Öffentlichkeit tritt deshalb völlig in den Hintergrund: Kohl benutzt den entsprechenden, im Westen (hier insbesondere in den USA) geläufigen 'innenpolitischen' Begriff des "Liberalen", um eine mögliche außenpolitische Wirkung Gorbatschows im westlichen politischen Spektrum zu beschreiben. Kohl hält Gorbatschow "nicht für einen Liberalen".
Da also 'liberal' weder historisch noch von der im Westen bekannten innenpolitischen Situation der Sowjetunion her, also überhaupt nicht zutrifft, transportiert der Begriff 'liberal' eine ironische Überhöhung. In anderer Form kann der Satz verstanden werden als 'Das ist alles Andere als ein Liberaler'. In dieser ironischen Verdeutlichung kommt besonders gut zum Ausdruck, dass Kohl schon zu Beginn des Abschnitts auf das Argumentationsziel Goebbels zusteuert. Zu deutlich ist bereits die Assoziation 'etwas auf dem Kerbholz haben' (in 'alles Andere als'), die dann in "Goebbels", dem Gauner, eingelöst wird. Es trifft also offenbar nicht zu, dass die Goebbels-Nennung lediglich ein aus dem Moment geborener Gedanke war.
'Nicht liberal' ist semantisch zu füllen mit allen jenen Inhalten, die Kohl mit PR an Gorbatschow festmacht, da der Satz "Ich halte ihn nicht für einen Liberalen" die Redefigur ergänzt, die weiter oben konstituiert wurde. Diese Figur lautet demnach: 'Ich halte ihn nicht für einen 'Liberalen', sondern für einen modernen, kommunistischen Führer.' 'Modern' entfaltet Kohl aber - wie gezeigt - anhand der Stichworte PR, Goebbels, Kalifornien, Hollywood. So zeigt sich, dass das positive Signal 'modern' mit 'nicht liberal' austauschbar ist. Beide sind positiv besetzt. Damit ist die Bewertungsmitte des Textes gewonnen, d.h. auch der Wert, von dem Kohl sich distanziert: liberal. Zugleich wird deutlich, daß Kohl Goebbels deshalb nennt, weil er auch diesen - zum 'eigenen' Lager der Nicht-Liberalen zählt.
Nun tritt Kohls eigentliches Argument an die Adresse Reagans, des US-amerikanischen Gesprächspartners, aber auch an die westliche Öffentlichkeit deutlicher hervor: Kohl will der Auffassung, dem Missverständnis vorbeugen, Gorbatschow setze PR nicht ein, um realpolitisch notwendige Verbrechen zu verschleiern. Vielmehr verfolge er - so das fatale Missverständnis - tatsächlich jene 'aufrichtige' Politik, die er der westlichen Öffentlichkeit mit Hilfe von PR 'vorgaukle'. Dagegen sei Gorbatschow überhaupt 'nicht besser' als Reagan, treffe aber leider auf eine westliche Öffentlichkeit, die das meine. Kohl dagegen ist kein solcher "Narr". Andere, "Journalisten und Politiker in der westlichen Welt" sind allerdings derartige Narren.
Narrheit ist leicht zu definieren als Dummheit, Naivität, Leichtgläubigkeit. Inhalte einer solchen Haltung wären etwa der 'Kinderglaube', Machtpolitik sei ohne Leichen im Keller möglich, oder die Idee, es gäbe einen geschichtlichen Fortschritt (zu weniger Verbrechen), und - auch dies eine Konsequenz - die Staatsform der Demokratie würde etwas an dieser Voraussetzung von Machtpolitik ändern. Narrheit wäre aber auch die Vorstellung, Öffentlichkeit könne die Erfordernisse notwendiger (zum 'Überleben' großer Nationen notwendiger) Machtpolitik beeinflussen - obwohl Kohl jetzt, da es um die Machtpolitik Gorbatschows geht, nichts lieber wäre.
"die Frau Gorbatschow" [ 8 ]
An einem besonders praktischen Beispiel möchte Kohl schließlich demonstrieren, wie Gorbatschows PR funktioniert, und zum anderen, inwiefern "Narren" darauf hereinfallen. Dabei genügt es, stichwortartig aufzuzählen, welche Textelemente Gegenstand einer Analyse sein könnten. Unter anderen gehören dazu: "die Frau Gorbatschow" (in der Wahrnehmung der "Narren" eine biedere Haus- und Ehefrau, in Wirklichkeit aber - die Agentin ihres Mannes?), "eine attraktive Frau" (modern), "geht nach Paris" (Auftrag?), "ein schönes Kostüm" (das genügt schon für die PR-Wirkung - Indiz für Täuschung)
Kohls Position ist eindeutig. Der Kleiderkauf ist ein 'modern-kommunistisches' Ablenkungmanöver, eine ausgeklügelte PR-Maßnahme, die sich die vorgeprägten westlichen Rezeptionsmuster zu Nutze macht, die sich ohnehin gerade auf Lady Di und Nancy Reagan oder auf die TV-Serien 'Dallas' und 'Denver' stürzen. Dieser genial einfache Kniff Gorbatschows genügt schon, um die "Narren" im Westen zu benebeln und davon zu überzeugen, dieser sei ein 'Liberaler'. Aber - so Kohls kriminalistische Expertise - dieser Kleiderkauf hat nichts mit Liberalität, nichts mit verfeinerter westlicher Lebensart zu tun, wie die "Narren" meinen ("Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun"). Vielmehr steht der Kleiderkauf seiner Frau für Gorbatschows 'wahre' Absicht, die westliche Öffentlichkeit schläfrig und der sowjetschen Realpolitik gegenüber gefügig zu machen
Damit ist die Reihe der protestartigen Widersprüche Kohls vollständig. "Ich bin kein Narr. ... Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun. ... Man muss die Dinge doch auf den Punkt bringen." Auch diese redundanten Textelemente bedürfen keiner Tiefenanalyse. Diese Elemente bilden 'Brücken', die unreflektierte Segmente verknüpfen sollen, Bruchstellen, die Kohl durch die Demonstration von 'Engagement', Betroffenheit, Empörung, Gefühl überbrückt. Da Empörung sich vorzüglich körperlich äußern lässt, ist auch zu bedenken, welches Aktionsfeld dies Kohl eröffnet.

[ 6 ] Ironischerweise empfand dies offenbar auch der Regierungssprecher Ost so und redigierte den ihm von Newsweek vorgelegten Text durch den Einschub: "... one of those responsible for the crimes of the Hitler era ... ". Dieser Einschub von fremder Hand gab Kohl dann offenbar die formale Handhabe, Newsweek gegenüber von einer Verfälschung oder sogar von Fälschung zu sprechen.

[ 7 ] "In 1982, he [Andrew Nagorski] gained international notoriety when the Soviet government, angry about his enterprising reporting, expelled him from the country. After spending the next two and a half years as Rome bureau chief, he became Bonn bureau chief." From: [ http://www.newsweek.com ]

[ 8 ] "Another revelation about Yelstin was that he had criticized Gorbachev's wife, Raisa, for her extravagant taste in clothes and accused her of requiring payment as deputy chair of the Soviet Cultural Foundation, a body that promoted young artistic talent. This was not the first time that she had been vilified. Raisa played the role of a first lady but was also a political figure in her own right. She accompanied her husband in the Soviet Union and abroad and answered political questions. Both the Gorbachevs favoured a more active political and economic role for women, but many men did not share this view, and criticism of Raisa was an indirect attack on Gorbachev." In: Encyclopędia Britannica, Inc., 1988 Britannica Book of the Year [1987], Chicago (...) 1988, p.476/477.

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