Wilhelm Hugo - Exilarchiv

Helmut Kohl: "...man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen..."

IV. Zusammenfassung

Wie sich gezeigt hat, war Kohls Newsweek-Interview, d.h. der inkriminierte Goebbels-Gorbatschow-"Vergleich" in der Tat Gegenstand eines Missverständnisses. Kohl hat zurecht bemerkt, er sei nicht richtig verstanden worden. Tatsächlich hat Kohl erst in zweiter Linie Gorbatschow mit Goebbels verglichen, sondern in erster Linie den US-Präsidenten Reagan. Dies aber war nach beiden Seiten in der Tat nicht mit der Absicht der Beleidigung, sondern letztlich der Bewunderung geschehen. Kohl stellt Reagan, Gorbatschow und sich selbst - und dies durchaus affirmativ und logisch aus einer bestimmten Geschichtsauffassung folgend - in einen gemeinsamen historischen Kontext von Machtpolitik, in dem auch Goebbels - sozusagen für Eingeweihte, die sich 'nichts vormachen' - einen Platz hat.

Kohl zeigt sich überzeugt, dass sich 'weltgeschichtlich' nichts daran ändern wird, dass nur Machtpolitik zählt, die notwendige Übel in Kauf nimmt. Er bekennt, dass auch die westliche Politik auf dieser Grundlage beruht, freilich ergänzt durch das 'moderne' Element von 'PR'. Diese 'realistische' Politik [ 9 ] hebt er ab von einer Auffassung, die an einen Fortschritt in der Geschichte 'glaubt'. Kohl sieht allerdings ein unerwartetes Problem auf die westliche Machtpolitik zukommen. Es besteht darin, dass eine bestens manipulierte westliche Öffentlichkeit wegen ihrer 'Dummheit' auch dann leicht zu lenken sein wird, wenn nun der Osten (Gorbatschow) beginnt, auf demselben Klavier zu spielen. Machtpolitik - unabhängig von Staatsformen - ist auf eine Neutralisierung der Öffentlichkeit angewiesen. Demokratie ist eine gutgemachte PR-Kampagne, eine moderne vor allem.

In diesem Geschäft möchte sich Kohl, der deutsche Kanzler, als bisher unterschätzte Größe empfehlen. Nicht Reagan, sondern Kohl ist der 'moderne' Meister (in einem Handwerk, das Kohl - und niemand sonst - auf Goebbels und sich selbst bezieht), schließlich weist Kohl Reagan handwerkliche Fehler nach, und Gorbatschow ist es noch (lange) nicht, schließlich 'durchschaut' Kohl dessen 'Spiel' geradezu spielend. Aber Kohl muss anerkennend zugeben, dass Gorbatschow die Schwachstelle des Westens getroffen hat - diesen Westen nämlich mit den eigenen Mitteln zu schlagen, die letztlich auf den Deutschen Goebbels zurückgehen. Der ließ sich freilich noch erwischen, aber dies wird Kohl - so meint er - bestimmt nicht passieren. [ 10 ]

© Jobst Paul
Wilhelm Hugo - Exilarchiv
15. Januar 2000 / 8. Schewat 5760

[ 9 ] "CSU verlangt Wende in der Außenpolitik - "Realistische Entspannung" angekündigt" - FR vom 5.1.87.

[ 10 ] 30. Dezember 1999 - der Berlin-Korrespondent der britischen Sun hat offenbar von Kohl gelernt und unterwirft diesen den 'einfachen Prinzipien der Geschichte': "For more than a decade he was bold King Kohl. Germany's Chancellor was the driving force behind an allembracing European Union. But while he was laying down the law at summits, accusers say, he was flouting it at home with secret slush funds. If convicted, Kohl faces up to five years in jail. The scandal follows the mass resignation of Euro Commissioners for cronyism and corruption. And France's refusal to lift its illegal ban on British beef. Sometimes it seems only we Brits play by the rules. And still Europhiles want us to surrender more powers to Brussels." In: The Sun (30.12.1999) / The Sun says: Kohl scandal

Wilhelm Hugo - Exilarchiv

Holzwiesenstrasse 15 / 104
72181 Starzach-Wachendorf
Deutschland / Germany / Alemania

[ exilarchiv@exilarchiv.org ]